Und wovon träumt ihr nachts? – Redebeitrag auf „Räume für Träume“ Demo

Wir dokumentieren hier unseren Redebeitrag, welchen wir auf der Demonstration „Räume für Träume“ in Halle am 14.6.2013 gehalten haben:

Und wovon träumt ihr nachts?

So richtig weiß man nicht, in welche Richtung die Demo gehen soll, wenn man das Plakat und den Aufruf betrachtet. Der große Aufhänger ist „Räume für Träume“, aber wovon man träumen soll, bleibt im Dunkeln. Scheinbar von der nicht-kapitalistischen Stadt. Wenn diese aus genauso viel Fantasie besteht wie das Plakat, dann wird es wahrscheinlich gar nicht so anders sein, nur bunter.
Da wird Super Mario gezeigt, ein ehrlicher Handwerker, der jedoch eigentlich die ganze Zeit nur dem Geld und seiner Prinzessin hinterherjagt; Schneewittchen, die den Haushalt für die im Bergwerk des 19.Jh. malochenden Kleinarbeiter schwingt und dann aufgrund ihrer Schönheit und Abstammung durch den Prinzen errettet wird; die Turtles, ein Wunder der Umweltverschmutzung; das letzte Einhorn als Symbol der Ausrottung ganzer Tierarten; und wer könnte besser das Unglück ausdrücken, weswegen ein Großteil der Menschen Glücksgefühle nur noch durch Drogen erfahren, als die sozialpädagogischen Glücksbärchen, die eine permanente Glücksüberwachung und -dosierung betreiben. Und der eigentlich lebhafte und fröhliche Elmo wird zum bös-blickenden Autonomen, dem jede Lebensfreude in seinem Verteidigungskampf abhanden gekommen ist.
Wir denken, dass solche Träume schon ihre Räume gefunden haben. Sie sind dem Raum der kapitalistischen Vergesellschaftung entsprungen und verweisen leider auch nur auf diesen zurück, statt ihn zu überschreiten.
Genau mit dieser Problematik ist auch der erste Teil des Aufrufs zur heutigen Demo behaftet. „Stadtleben selbst organisieren. Euer Image wollen wir nicht“ lautet der Appell. Dort wird beklagt, dass falsche Stadtpolitik betrieben wird, obwohl es doch besser gehen würde. Und genau dafür (für den Posten als Politikberater) bewirbt sich die Demo mit ihrem Aufruf. Denn die Organisatoren, die eigentlich das Image der „Kulturhauptstadt von Sachsen Anhalt“ nicht haben wollen, fordern genau das ein. Es wird sich beklagt, dass Kultureinrichtungen geschlossen bzw. staatliche Fördermittel dafür gekürzt werden. In ordentlicher, sozialdarwinistischer Manier des studentischen Kleinbürgertums wird verächtlich über das renovierte Fußballstadion des Drittligisten geschimpft, weil die Gelder dorthin flossen und nicht an die üblichen Aufenthaltsorte der studentischen Mittelklassekids aus der Demogruppe wie Theater, freie Schulen, Gartenbaukooperativen, Gemeinschaftsküchen oder den alternativen Jugendklub. Nun ist Fußball wirklich kein intellektueller Höhepunkt der Menschheitsgeschichte, das war das Thalia-Theater aber auch nicht. Aber irgendwie entfliehen darüber dennoch Tausende jedes Wochenende der Trostlosigkeit ihres Lebens, wie es auch die VfL- und St.Pauli-Fans, die Besucher der hochgehalteten Kultureinrichtungen oder dieser Demo jedes Mal tun. Diese Ausflüchte in die Idiotie sind konsequente Merkmale kapitalistischer Vergesellschaftung in kulturindustrieller Manier, wo es nur noch Distinktionsbedürfnis ist, das eine gegen das andere zu positionieren. Und so reproduzieren die antikapitalistischen Stadtplaner dieser Demonstration das tägliche Hauen und Stechen des Kapitalismus in ihrem Aufruf und veredeln es mit dem Verweis auf höhere Ziele. Die hier hochgehaltene Kultur ist unmittelbar Erscheinung der kapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft bzw. mittlerweile deren Zerfallserscheinung. Von einer kapitalistischen Stadt zu sprechen und den kulturellen Bereich, auch in seinen alternativen Formen als „temporäres Ausbrechen“ aus dieser Gesellschaft und Gegenpol zur Stadt und ihrem Image zu positionieren, greift zu kurz.
So sind all die als Freiraum bezeichneten Projekte und Organisationsformen genauso der kapitalistischen Totalität verhaftet und haben mit denselben ökonomischen Problemen zu kämpfen wie eine Stadtverwaltung. Der Clou ist nur: Durch die freiwillige Aufopferung ihrer Sympathisanten können sie Kulturveranstaltungen „billiger“ produzieren als städtische Unternehmen. Selbstorganisierung bedeutet eben auch Selbstausbeutung und passt so perfekt in einen modernen Kapitalismus, da die Beteiligten ihr Elend und ihre Sachzwänge selbst verwalten. In einer Foodcoop mit Konsensplenum sind Menschen eben eher bereit, auf ihre Arbeitsrechte zu verzichten als in fremdbestimmten „bösen“ Unternehmen. Non-profit reicht deshalb gerade nicht aus, um als  gesellschaftskritisches Projekt zu erscheinen. Daher funktioniert der im Aufruf empört aufgezeigte Kampf zwischen der Riesenkleinschule und der HWG nicht. Im autonomen Märchenbuch verliert die Riesenkleinschule und kann nicht in den großen Prachtbau einziehen, weil dieser nun kommerziell von der städtischen HWG verwendet wird. Eine Privatschule hat gegenüber einem städtischen Betrieb einen Nachteil und man beklagt sich. Auf der anderen Seite beklagt man sich über Privatisierungstendenzen von städtischem Eigentum und Gentrifizierung, wo doch städtischer Wohnungsbau durch die HWG gerade Gentrifizierung entgegenwirken kann und freie Schulen wie das Riesenklein ein Klientel anziehen, welches diese vorantreibt.
Immer wieder kommt in dem Aufruf der Klientelismus zum Ausdruck. Über die Schulen in Halle-Neustadt oder Silberhöhe weiß man halt nicht so viel, im Zweifel haben diese eben kein Label als „reformpädagogisch“, welches schon als ausreichend erscheint, um es in Opposition zur herrschenden Ordnung zu setzen.  
Man wird den Eindruck nicht los, dass hier Menschen genau das  als emanzipatorische Projekte nennen, was gerade in Vierteln wie dem Paulusviertel und bei Studierenden  beliebt ist.
 
Kommen wir nun zur Problematik der kapitalistischen Stadtplanung.  Dass diese nicht den schönen Ort zum Leben schafft, damit haben die Demo-Orga-Leute auf jeden Fall Recht. Jedoch  gehen sie inhaltlich nicht darauf ein, was eigentlich kapitalistische Stadtplanung bedeutet und wo eigentlich ein nicht-kapitalistischer Ort sein soll. Wo das Projekt sein soll, das nicht  Stromkosten zahlen und deshalb Einnahmen generieren muss.
Kapitalistische Stadtplanung geschieht gemäß der polit-ökonomischen Ordnung nach kapitalistischer Profitlogik. Daher verändert sie sich ständig und somit auch das Gesicht einer Stadt. War sie noch bis vor ein paar Jahrzehnten vor allem industriell geprägt und auf die Erfordernisse einer Integration breiter Teile der Industriearbeiter ausgerichtet, entwickelt sie sich zunehmend in weiten Teilen Deutschlands, u.a. auch in Halle, entsprechend dem Profil einer post-industriellen Wissens- und (Erlebnis)Kultur-Stadt. Diese Entwicklung kann man anhand der aktuellen Universitätsproteste und Proteste der Kulturschaffenden beobachten, die im perfekten unternehmerischen Marketingsprech genau diese Entwicklung forcieren und fordern. Dieser Entwicklung steht aus ihrer Sicht die Landesregierung im Weg, welche eine wirksame, moderne Profilbildung der Stadt, ihrer Kultur und Universität verhindert. Solch eine Stadt, ein Kultur- und Wissenskonglomerat, scheint auch die Demo-Orga ins Auge zu fassen. Denn ihre angedeutete Gegenkultur ist gar keine Gegenkultur für die moderne kapitalistische Stadtentwicklung. Da werden freie Theater genannt, die als Vorbild für innovative kostenlose Kunstkultur stehen sollen. Die angeführten Hausprojekte sind eher Ausflugserlebnis mit billigem Bier und für ein sauberes Gewissen als eine Gegenkultur. Und auch Foodcoops sind doch nur Ausdruck des grünen Kapitalismus . Schließlich sollte erwähnt werden, dass die angepriesene Konsens-WG inzwischen fast von jeder WG praktiziert wird und als Vorbereitung auf die unternehmerischen Supervisionen und Teambuildings dient. Hier reiht sich auch der studentische Gentrifizierungsverein Postkult ein, welcher die kulturelle Stadtaufwertung nicht allein den Unternehmen überlassen möchte.  
So nett die einzelnen Projekte ab und an sein mögen, so sind sie dennoch lediglich Innovationslinien der modernen kapitalistischen Stadt. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass zum Hausfest der Reil78 hunderte bis tausend Menschen kommen. Und das nicht, weil sie einen Raum wollen oder benötigen, um einen politischen Anspruch gegen die gesellschaftlichen Zumutungen mit zu formulieren, sondern weil es für die Studierenden und Discogänger ein erlebniskulturelles Ereignis in der Stadt ist. Alle mögen die schummrige Atmosphäre des verwilderten Gartens und Hauses in einer lauen Sommernacht.
 
Welche Ausschlüsse bei solch einer Stadtentwicklung passieren, gerät daher auch nicht in den Blick dieser Demonstration, die eher eine Fokussierung auf die Etablierung der so genannten gegenkulturellen Freiräume bewirbt.
Dass bestimmte Lebenswelten immer mehr an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden, zehntausende Menschen in der Stadt aus der sozialen Anerkennung durch Lohnarbeit herausfallen und sich weder in den Kulturangeboten wiederfinden, noch welche in ihren Stadtteilen vorfinden, ist offenbar nicht erwähnenswert. Was Entfremdung und Vereinzelung der Menschen bedeutet und welche Konsequenzen das für den Einzelnen aber auch für das Zusammenleben hat, kann man nicht nur am Wochenende am Markt beobachten. Zunehmend fährt der Staat eine Law-and-Order-Politik und überlässt die sozialpädagogisch-gesellschaftsintegrativen Aufgaben jenen engagierten Bürgerprojekten, die freiwillig die Kontroll- und Helfer-Position einnehmen.
 
Bei all dem Grauen der heutigen Gesellschaft und des Stadtlebens sind Träume deshalb wirklich wichtig. Wichtig, um überhaupt einen Hoffnungsschimmer auf ein menschliches Leben aufblitzen zu lassen. Um uns einen kurzen genussvollen Moment zu gönnen inmitten der sonstigen Versagungen.
Die abhängigen, geschaffenen Strukturen können nicht der Aussganspunkt für unsere Träume oder den gesellschaftlichen Kampf gegen die kapitalistischen Zumutungen sein, sondern sind der Ort der Auseinandersetzung selbst. Der Ort, an dem es die Möglichkeit gibt, einen Raum für Auseinandersetzungen zu schaffen. In der Ausweitung und Aufrechterhaltung der Möglichkeitsräume, die jedoch immer von der Gesellschaft durchdrungen sind, liegt die Arbeit in diesen Räumen. Deshalb ist es notwendig, immer wieder in diesen Ort gegen Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Leistungsdenken anzukämpfen. Deswegen droht ihnen permanent eine Entpolitisierung. Und vor allem sind diese Räume deshalb kein Platz für die Träume. Sie sind vor allem ein Ort der realen Auseinandersetzung, der im besten Fall ein Stachel in der Gesellschaft sein kann.
 
Das zu versuchen, darf man auch mal Feiern, mit Pfeffi und Flips und in der Reil 78 heute und morgen Abend.
 
Rehkids on the Reil 78 & GekO (Gesellschaftskritische Odyssee)