Archiv für Januar 2014

Vorträge in Wittenberg: Luther und die Juden

AK Zweifel und Diskurs

Frei­tag, 21.​02.​2014
19 Uhr
Kirch­li­ches For­schungs­heim
Wil­helm-​We­ber-​Stra­ße 1 – 06886 Wit­ten­berg

Vor­trä­gen zu Lu­thers Ju­den­hass und des­sen Be­deu­tung für den Pro­tes­tan­tis­mus

Zum Vor­trag von Prof. Dr. An­dre­as Pan­gritz:

Léon Po­lia­kov schreibt in sei­ner Ge­schich­te des An­ti­se­mi­tis­mus über Mar­tin Lu­ther: „Im An­ti­se­mi­tis­mus … zog das re­li­giö­se Motiv, die Recht­fer­ti­gung durch den Glau­ben, eine Ab­leh­nung der Werke nach sich, jener Werke, die un­zwei­fel­haft jü­di­scher Prä­gung sind … Muß viel­leicht ein wirk­li­cher Christ, der sei­nen Gott in der Weise eines Mar­tin Lu­ther an­be­tet, nicht schließ­lich un­ver­meid­lich die Juden aus gan­zer Seele ver­ab­scheu­en und sie mit allen Kräf­ten be­kämp­fen?“
Soll­te Po­lia­kov recht haben, dann wäre an das Chris­ten­tum zu­min­dest in sei­ner lu­the­ri­schen Va­ri­an­te die kri­ti­sche Frage zu stel­len, wie es sich zu Lu­thers An­ti­se­mi­tis­mus stellt. Lu­thers ag­gres­siv ju­den­feind­li­che Spätschrif­ten wie z.B. „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) sind be­rüch­tigt; sie konn­ten von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten pro­blem­los als Be­grün­dung für ihren „Er­lö­sungs­an­ti­se­mi­tis­mus“ – Er­lö­sung durch Ver­nich­tung der Juden – in An­spruch ge­nom­men wer­den.
Den­noch hat sich lu­the­ri­sche Theo­lo­gie im all­ge­mei­nen da­ge­gen ge­wehrt, Lu­ther als An­ti­se­mi­ten zu be­zeich­nen. Dabei wird gro­ßer Wert auf die Un­ter­schei­dung einer re­li­gi­ös be­grün­de­ten Ver­ach­tung ge­gen­über den Juden, die man dann An­ti­ju­da­is­mus nennt, von dem mo­der­nen, ras­sen­bio­lo­gisch be­grün­de­ten An­ti­se­mi­tis­mus ge­legt. Auch wird be­tont, dass der jün­ge­re Lu­ther in sei­ner Schrift „Daß Jesus Chris­tus ein ge­bo­re­ner Jude sei“ (1523) eine eher ju­den­freund­li­che Hal­tung ge­zeigt habe.
Der Vor­trag wird an­hand von Lu­thers sog. „Ju­den­schrif­ten“ er­neut die Frage auf­wer­fen, wie Lu­thers Stel­lung ge­gen­über den Juden ein­zu­schät­zen ist: Wie ist die Ju­den­feind­schaft bei Lu­ther theo­lo­gisch be­grün­det? Kann und muss sein Ju­den­hass als An­ti­se­mi­tis­mus be­zeich­net wer­den?

Zum Vor­trag von Jörg Fin­ken­ber­ger:

Lu­thers Ju­den­hass ist an sei­nem Werk nicht eine Ne­ben­sa­che, son­dern reicht in den Kern. Das wirft weit­ge­hen­de Fra­gen auf. Wie kann eine Re­for­ma­ti­on des Chris­ten­tums ge­dacht wer­den ohne Hass auf die Juden? Wie tief steckt der Ju­den­hass im Chris­ten­tum, und in den christ­lich ge­präg­ten Ge­sell­schaf­ten? Alle seit­he­ri­ge Ge­schich­te hat wenig An­lass zur Hoff­nung ge­ge­ben. – Die Wur­zeln des Ju­den­has­ses im Chris­ten­tum rüh­ren an Grund­sätz­li­chem. Christ­li­cher An­ti­ju­da­is­mus macht an der hart­nä­cki­gen Ver­wei­ge­rung der Juden fest, was all­ge­mein der Fall ist: Die ver­hei­ße­ne Er­lö­sung ist nicht ein­ge­tre­ten. Die Ver­schie­bun­gen, die die aus­ge­blie­be­ne Er­lö­sung im Bau der christ­li­chen Kir­che er­zwun­gen hat, tre­ten in Wi­der­spruch zu den in­ne­ren In­hal­ten des Glau­bens. Die Re­for­ma­ti­on war an­ge­tre­ten, auf die­sen Wi­der­spruch zu re­agie­ren. Das Miss­lin­gen der Re­for­ma­ti­on ging ein­her mit ra­di­ka­ler Es­ka­la­ti­on des Ju­den­has­ses. Wie tief muss die Kri­tik der christ­li­chen Re­li­gi­on an­set­zen? – Zu allem Un­glück schei­nen die Kri­te­ri­en der Re­li­gi­ons­kri­tik, die im An­schluss an die Auf­klä­rung ent­wi­ckelt wor­den sind, von der­sel­ben Schwä­che be­fal­len. Das Ver­hält­nis der Jung­he­ge­lia­ner zum Ju­den­tum er­weist sich bei nä­he­rem Zu­se­hen als das Selbe wie das des von ihnen kri­ti­sier­ten Chris­ten­tums. Von wo aus kann der Aus­weg ge­fun­den wer­den? Wie kön­nen die Be­grif­fe der Theo­lo­gie in ein rich­ti­ge­res Ver­hält­nis zu­ein­an­der ge­setzt wer­den?

Die Ver­an­stal­tung fin­det am 21. Fe­bru­ar 2014 in der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie, Schloß­platz 1d in 06886 Wit­ten­berg statt. Be­ginn des ers­ten Vor­trags ist 19 Uhr. Der Ein­tritt ist frei.