Das Kriegsende in Halle – Ein Lehrstück deutscher Erinnerungskultur

Das Kriegsende in Halle – Ein Lehrstück deutscher Erinnerungskultur

Der Mythos einer unschuldigen deutschen Zivilbevölkerung wird in Deutschland vor allem bei lokalen Erinnerungsveranstaltungen mit besonderem Nachdruck gepflegt. Die Begeisterung, mit der sich jährlich Hunderte zusammenfinden, um der Bombardierung ihrer jeweiligen Stadt zu gedenken, zeugt davon. Die Erinnerung an das „Leiden deutscher Zivilisten“ unter den Bomben der Alliierten, soll den Umstand verdecken, dass dieselben Deutschen kein Problem damit hatten, sich in die Volksgemeinschaft einzureihen, jahrelang direkt oder indirekt von Arisierung und Raubkrieg zu profitieren, Juden zu verfolgen und der NSDAP begeistert Beifall zu spenden. Deshalb konnte der zweite Weltkrieg nicht wie der erste mit einem Generalstreik, sondern nur durch die militärische Niederlage Deutschlands beendet werden. Um diesen Umstand nicht reflektieren und damit die Wahrheit über den Charakter der deutschen Volksgemeinschaft nicht anerkennen zu müssen, werden immer wieder Einzelpersonen aufs Podest erhoben, die das Existieren aufrechter Deutscher beweisen sollen. Dies ist selten ohne Verbiegen, Verschweigen und Verdrehen der Geschichte möglich. Die Erinnerung an das Kriegsende in Halle ist dafür ein Lehrstück.


Der Einmarsch der Alliierten in Halle (Saale) im April 1945

Den amerikanischen Streitkräften, der so genannten Timberwolf-Division gelang es am 15.April über eine Pontonbrücke in den Norden der Stadt Halle (Saale) vorzudringen, nachdem die deutschen Truppen tags zuvor sämtliche Saale-Brücken gesprengt hatten. Bereits in der Nacht vom 13. zum 14.April verteilte eine Gruppe um den Chemieprofessor Theodor Lieser 2000 Flugblätter in der Stadt, die die Bevölkerung dazu aufrief, weiße Laken aus den Fenstern zu hängen, um ihren Aufgabewillen zu signalisieren und den deutschen Kampfkommandanten zu einer Übergabe der Stadt zu verleiten. Dies kam den Amerikanern entgegen, denn auf eine Bombardierung der Stadt sollte zunächst verzichtet werden. Sie wussten, dass sich in der hallischen Innenstadt mehrere Tausend Zwangsarbeiter und Lazarette mit amerikanischen Soldaten befanden.
Als die Amerikaner jedoch am 15.April telefonisch eine solche Übergabe verhandeln wollten, lehnte der deutsche Kampfkommandant Rathke diese ab. Zudem wurden die vorrückenden Truppen im nördlichen Stadtteil Halle-Trotha nicht von weißen Bettlaken begrüßt, sondern von einer gleichgültigen bis offen feindseligen Bevölkerung, die deutschen Scharfschützen noch Hinweise auf alliierte Soldaten gab und die Realität des Krieges nicht wahrhaben wollte. [1]
Ein amerikanischer Kriegsveteran erinnerte sich: „Die Leute schauten aus den Fenstern, obwohl wir doch scharf schossen. Andere standen auf den Straßen und behinderten uns. Sie schienen absolut keine Ahnung davon zu haben, was Krieg bedeutet. Wir mußten sie regelrecht wegscheuchen und vertreiben.“ [2]
In den Trothaer Häusern und Hausdächern verschanzten sich neben Scharfschützen auch Einheiten der Wehrmacht, der HJ und des Volkssturms. Ein Vorwärtskommen war für die Timberwölfe nur in verlustreichen house-to-house fightings möglich. Daher wurde der Vormarsch gestoppt und ein Flugblatt mit der Unterzeile „Übergabe oder Vernichtung“ sowie einem Ultimatum über Halle abgeworfen, das die Bewohner aufforderte, bei ihrem deutschen Kampfkommandanten auf eine Übergabe der Stadt hinzuwirken. Andernfalls werde die vollständige Bombardierung der Stadt angeordnet. Eine Bombardierung sollte am Morgen des 16.April erfolgen.
Das Ultimatum der Amerikaner verfehlte seine Wirkung nicht: Einige zwar in das NS-Regime verstrickte, aber den Kriegsausgang erahnende Personen drängten den deutschen Kommandanten, sich in den Süden der Stadt zurückzuziehen und den Amerikanern die Innenstadt zu überlassen. Im Gegenzug sollten diese auf eine Bombardierung verzichten. Durch diesen Vorschlag konnte der deutsche Kommandant Rathke weiterhin kämpfen, sodass er und seine Familie nicht wegen Feigheit vor dem Feind erschossen werden würden, und zugleich eine Bombardierung abgewendet werden.
Um diesen Vorschlag den Amerikanern zu überbringen, wurden Graf Felix von Luckner, ein den Amerikanern durch seine Seemannsgarngeschichten aus dem 1.Weltkrieg bekannter Hallenser, der weltweit Propagandareisen für den Nationalsozialismus unternommen hatte, und Karl Huhold, ehemaliger Luftwaffenmajor und Stahlhelmführer Mitteldeutschlands, ausgewählt. Luckners Bekanntheit bei den Amerikanern sollte die Aufrichtigkeit des Rückzugsangebotes versichern. Beide fuhren durch die amerikanischen Linien und trafen dort auf den General der amerikanischen Truppen Terry de la Mesa Allen. Allen betonte mehrfach seine Verbitterung über das Verhalten der Deutschen: „Ich habe gestern zur Warnung an die Bevölkerung Flugblätter abwerfen lassen. Ich habe ferner meinen Soldaten verboten, in die Straßen und Häuser zu schießen. Dafür haben Fensterschützen, hinter Gardinen versteckt, meinen besten Freund und tüchtigsten Offizier erschossen. Frauen haben auf Zuruf angezeigt, wo sich meine Soldaten befanden. Für diese Taten hat einer Ihrer Generale in Frankreich zwei Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Ich bin verbittert, meine Geduld ist am Ende.“ [3] Die Bombardierung der Stadt war bereits angeordnet, doch gegen die Weisungen aus Washington gewährte er einen Aufschub von 12 Stunden und versicherte, auf eine Bombardierung zu verzichten, wenn sich General Rathke in den Süden der Stadt zurückziehe. Der Gedanke an die in der Stadt befindlichen Lazarette spielten dabei ebenso eine Rolle, wie der unter den Amerikanern verbreitete Irrtum, dass bei den Deutschen eine Trennung in unschuldige Zivilbevölkerung und bösartige Nazis noch möglich sei.
Während der Verhandlungen betrank sich Graf Luckner derart mit Whiskey, dass er nicht mehr in der Lage war, dieses Angebot an den deutschen General zu überbringen, weshalb dies von Huhold allein übernommen wurde und die von Luckner erwartete Antwort an die Amerikaner am Morgen des 17.April von einem Mitarbeiter Theodor Liesers überbracht wurde. Die Amerikaner konnten nun die hallische Innenstadt einnehmen. Gänzlich ohne Widerstand verlief dies nicht, jedoch reduzierten sich die house-to-house fightings in Nord- und Innenstadt durch den Rückzug Rathkes auf ein Drittel. Erst nachdem Rathke am 19.April aus der Stadt mit 600 Soldaten ausbrach, konnte die Stadt vollständig von amerikanischen Truppen besetzt werden.


Gedenkkultur in Halle – Vom Lob des Opportunismus

Seit Jahren tobt in Halle (Saale) der Streit darum, wem man für den Verzicht auf die Bombardierung danken soll. Der Verein Graf Luckner e.V. und dessen Haus- und Hofhistoriker plädieren für den Grafen, der lange Zeit mit dem Regime offen zusammenarbeitete (bis er wegen sexuellen Missbrauchs an seiner leiblichen Tochter und der minderjährigen Tochter seines Anwalts in Ungnade fiel), dessen antisemitische Tiraden inzwischen bekannt sind, und der nach der Besetzung der Stadt seinen Anteil an der ausgebliebenen Bombardierung maßlos in die Höhe log . Dies alles belegt ein Gutachten, dass die Martin-Luther-Universität im Zuge dieses Streits für den hallischen Stadtrat vorlegte. [4] Nun existiert eine Gedenkplakette, an der die Luckner-Gesellschaft jedes Jahr ein Gedenken zum Kriegsende abhält und auf der neben Luckner noch weitere Personen namentlich geehrt werden.
Regelmäßig wird der Mythos einer unschuldigen Stadtbevölkerung gepflegt, die von den NS-Oberen in Geiselhaft genommen, letztlich aber durch das entschiedene Auftreten Luckners gerettet wurde. Dieser habe den amerikanischen, wie den deutschen General allein mit seiner rhetorischen Gewandtheit und Überzeugungskraft dazu bewegt, an diese unschuldige Zivilbevölkerung zu denken. Wie oben beschrieben, gründeten die Motive der Amerikaner für einen Bombardementverzicht nicht in der rhetorischen Begabung des betrunkenen Luckner, und auch die „Zivilbevölkerung“ zeichnete sich vor allem durch Passivität bis offener Feindseligkeit gegenüber den amerikanischen Truppen aus. Der Umstand, dass die Stadt 1945 nicht bombardiert wurde, ist also gerade kein Beweis für die Unschuld ihrer Bewohner, die nur stillhielten, weil sie Angst vor dem Terror des Regimes hatten. Halle war vielmehr bereits 1930 eine der Hochburgen der Nazibewegung. Auch der Boykott und die Zerstörung jüdischer Warenhäuser und Läden wurde hier bereits kurz nach der Machtübernahme und noch vor der eigentlichen Reichspogromnacht praktiziert. [5]
Die Frage, warum hier wie überall in Deutschland ein größerer Widerstand ausblieb und sich so viele Teile der Bevölkerung in die neue Volksgemeinschaft integrierten, wird nicht gestellt. Um sich diese Frage nicht stellen zu müssen, gedenkt man lieber der eigenen Bombentoten oder wie in Halle jenen „Helden“, die das Regime zwar getragen haben, aber ihren Glauben an den Endsieg irgendwann verloren hatten. Luckner und seine Kameraden motivierte nicht die Gegnerschaft zur deutschen Volksgemeinschaft und der Bruch mit ihren Volksgenossen, sondern der Wunsch, diese unbeschadet in die Friedenszeit hinüberzuretten. Auf Radio Luxemburg beruhigte einer der in Halle geehrten Persönlichkeiten aus dem Kreis Liesers seine Volksgenossen: „Wir nützen dadurch [einzusehen, dass der Krieg verloren ist. Anm. d. Autors] nicht unserem Gegner, sondern nur und ausschließlich uns und unserem Vaterland.“ [6]
Identifiziert wird sich mit den Menschen, die sich erst in letzter Minute, als der Krieg auf deutschen Boden zurückkam, gegen diesen wandten, um die Volksgemeinschaft doch noch zu retten. So schwärmte ein Redner auf der Gedenkveranstaltung zum Kriegsende 2012: „[Sie] versuchten zu retten was zu retten [war] […] Menschen waren das, die zum Teil selbst verstrickt waren in das System, die mitgelaufen sind und die in ihrer Zeit und bis Heute nicht unumstritten waren und unumstritten sind, aber sie haben in der entscheidenden Stunde Zivilcourage gezeigt. Davon kann auch ich als Nachgeborener nur lernen, wenn meine entschlossene Tat gefragt ist.“ [7]
In solcher Identifizierung mit Opportunisten mit Vaterlandsverteidigern, wirkt die Feindseligkeit gegenüber allen weiter, die im besten Sinne zu Vaterlandsverrätern wurden, sich gegen ihre Landsleute wandten, und ins Exil oder sogar zu den alliierten Truppen gingen, auch wenn viele von ihnen diesen Bruch selbst nicht wahrhaben wollten und sich nach 1945 erneut auf die Seite ihre Landsleute stellten. Dennoch stehen sie symbolisch für jenen notwendigen Bruch mit der Volksgemeinschaft, der ihnen zeitlebens vorgehalten wurde und den auch die Erinnerungskultur nicht zu thematisieren bereit ist. Hinter der Inszenierung der unschuldigen Zivilbevölkerung und der Identifizierung mit Opportunisten wie Luckner, Stauffenberg und Co. scheint deshalb die Ahnung zu stecken, dass man selbst nicht anders gehandelt hätte. Die Gedenkkultur in Halle verrät damit, dass in Deutschland die Loyalität zu Volk und Vaterland im Zweifel immer noch Vorrang vor universeller Menschlichkeit hat.

April 2015

  1. Zum geringen Erfolg des ersten Flugblatts der Gruppe Lieser und der Scharfschützenhinweise: Vgl. Luckner-Gutachten der Stadt Halle (Saale). S. 50. URL: http://www.halle.de/VeroeffentlichungenBinaries/527/519/luckner-gutachten_12052011.pdf sowie: Daniel Bohse: Die letzten Tage des „Dritten Reiches“ – das Kriegsende in Halle. In: Freitag, Werner/ Minner, Katrin (Hg.): Geschichte der Stadt Halle (Band 2) – Halle im 19. und 20. Jahrhundert. S. 320. [zurück]
  2. Erinnerung von Lt. Col. Clark Zit. nach: Maurer, Matthias J., Our Way to Halle – Der Marsch der „Timberwölfe“ nach Halle. Halle (Saale) 2001. S. 97. [zurück]
  3. Die Worte Allens laut eines Bericht von Major a.D. Huhold: Zit. nach: Maurer, Matthias J., Our Way to Halle – Der Marsch der „Timberwölfe“ nach Halle. Halle (Saale) 2001. S. 97. [zurück]
  4. http://www.halle.de/VeroeffentlichungenBinaries/527/519/luckner-gutachten_12052011.pdf Siehe hierzu auch: https://bonjourtristesse.wordpress.com/2012/02/18/what-shall-we-do-with-the-drunken-sailor/ https://bonjourtristesse.wordpress.com/2013/06/26/ach-ja-gott-da-haben-sich-alle-arrangiert/ [zurück]
  5. Vgl. Tullner, Matthias, Halle 1806 bis 2006 – Industriezentrum, Regierungssitz, Bezirksstadt. [zurück]
  6. Prof. Hülse auf Radio Luxemburg zit. nach: Ernst Ludwig Bock, Übergabe oder Vernichtung – Eine Dokumentation zur Befreiung der Stadt Halle im April 1945. Halle (Saale) 1993. S. 46/47 [zurück]
  7. https://www.youtube.com/watch?v=YD9IdFoY-vI Minute 3:29 bis 4:14. [zurück]

1 Antwort auf „Das Kriegsende in Halle – Ein Lehrstück deutscher Erinnerungskultur“


  1. 1 Thank you Allies – Halle war Täterstadt! « Gesellschaftskritische Odyssee Pingback am 20. April 2015 um 10:39 Uhr
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