Vorwort zur Lesung am 8.Mai 2016

Liebe Gäste, liebe Genossinnen und Genossen,

Auch jenseits des Szenesumpfes häufen sich auf Facebook und Twitter die Postings über den 8.Mai, die ihre jeweiligen „Lehren aus der Geschichte” anpreisen. Um einen kleinen Einblick zu geben:
Allein die Partei Angela Merkels ignoriert dieses Jahr den 8.Mai und feiert stattdessen den Muttertag, für den ab 1926 die „Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung” warb und der 1933 zum offiziellen Feiertag wurde.
Die SPD dagegen scheint am Nationalsozialismus vor allem zu stören, dass der Krieg wieder nach Hause kam: Neben den üblichen Floskeln von „Verantwortung für Toleranz und Solidarität” prangt ein Bild von einer zerbombten deutschen Stadt. Entsprechend liest sich auch die Einlassung Frank-Walter Steinmeier, dass die Deutschen 71 Jahre nach Kriegsende „besondere Verantwortung für Frieden und Verständigung” tragen.
Die Vertreter der zweiten sozialdemokratische Fraktion im deutschen Parteiensystem melden sich ebenfalls zu Wort. Ihr Jugendverband die Linksjugend erklärt heute „Rechtsextremismus, Nationalismus, Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus […] sind keine Themen der Vergangenheit.” Ganz so, als hätte es nie eine Kolloboration zwischen muslimischen Antisemiten und dem dritten Reich gegeben und als wäre ausgerechnet antimuslimischer Rassismus ein Merkmal des Nationalsozialismus gewesen. Ihre Mutterpartei Die Linke geht noch einen Schritt weiter und meint mit direktem Bezug auf 8.Mai ausgerechnet das Wutbürgertum adressieren zu müssen „Empörung und Gerechtigkeit zusammenzubekommen ist unser Ziel für Heute.”
Mittlerweile gehört es zum guten Ton, dass man auch als linker Szeneaktivist am 8.Mai eine Sause veranstaltet. Es dürfte kaum ein AJZ geben, in dem das nicht der Fall ist. Wer zudem als ordentlicher Antideutscher etwas auf sich hält, der postet massenweise Bilder amerikanischer Bomber, der russischen Flagge auf dem Reichstag, der Verbrüderung von Torgau usw. Was als Provokation gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft und das konservative Milieu einmal sinnvoll war, ist auf Facebook, wo man sich vor allem an den eigenen Freundeskreis oder als Organisation an die eigenen Fans wendet, vor allem eines: Der politische Ersatz für das Katzenbildchen. Ordinärer Kitsch, der vor allem der gegenseitigen Bestätigung der richtigen Gesinnung dient. Der 8.Mai ist zu einer reinen Projektionsfläche verkommen.
Entsprechend geht es nicht mehr um die Frage nach den „Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Demokratie” (Adorno). Phillip Schweizer, den wir letztes Jahr an dieser Stelle zu einem Vortrag eingeladen hatten, erklärte damals sinngemäß, dass zwar eine gewisse Bescheidwisserei vorherrsche, sich aber kaum jemand einmal mit dem Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit auch empirisch auseinandergesetzt habe. Aus diesem Grunde wollen wir Heute nicht zum tausendsten Vortrag einladen, der im Nebel stochert, sondern in einer Lesung zeitgenössische Versuche vortragen, die Deutschen zu begreifen. Wir hoffen, damit zu einer weiteren Beschäftigung anregen zu können.

Es wurde gelesen aus:
Instructions for British Servicemen in Germany 1944. Kiwi-Taschenbuch.
Saul K. Padover, Lügendetektor: Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45. Eichborn-Verlag.
Hannah Arendt, Besuch in Deutschland. Rotbuch-Verlag.
Kay Boyle, Der rauchende Berg: Geschichten aus Nachkriegsdeutschland. Verlag Neue Kritik.
Wilhelm Koenen, An meinen Bruder in Mexiko (1945). In: Jan Gerber/ Anja Worm (Hg.), Fight for Freedom – Die Legende vom anderen Deutschland. Ca ira Verlag.


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