Archiv für Mai 2017

Berühmt und berüchtigt – Nicht trotz, sondern wegen seiner Schweinereien

In Deutschland setzt mal wieder die Zeitrechnung aus. Anstelle von 2017 befinden wir uns plötzlich im Jahre 471 n.L.. Wer es noch nicht gewusst hat, weiß es spätestens jetzt. Jedoch haben nicht nur die Geschenkartikelbranche, Souvenirhersteller, Playmobil und Backwarenproduzenten Lunte gerochen, auch Wissenschaft, Politik und Kultur wollen ihren Krümel vom Lutherkeks haben. Deshalb tönt es gerade wieder aus allen Ecken: Deine Lutter!

Wer ist Luther und wenn ja, wie viele?
Mittlerweile ist bekannt: Luther war nicht nur gut. So schreibt Deutschland Radio Kultur einen Artikel über „Den hässlichen Luther“ und der evangelische Kirchenkreis Neukölln redet vom „hellen und vom dunklen Luther“ 1. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland spricht sich für einen offenen Umgang mit den „dunklen Seiten“ des Reformators aus. Margot Käßmann – die Lutterbotschafterin im Mutherjahr – sagt in einem Interview mit der Emma: „Na klar, ich weiß: Die Kirchen und die Frauen, das ist ein ganz eigenes Thema. In den Religionen herrschen oft patriarchale Zustände. Und auch Martin Luther kann kritisch angefragt werden.“ Schließlich neigen selbst Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben ihn zu kritisieren dazu, auf den scheinbaren Widerspruch seiner Person zu verweisen: „Martin Luther (…) war sicherlich ein großer Intellektueller, doch letztendlich auch ein schwacher, von teils undefinierbarer Angst erfüllter, umtriebig destruktiver Charakter. (…) Außerdem galt er als zutiefst abergläubischer Mensch, der sich vor Hexen fürchtete und nicht müde wurde, deren Tod einzufordern.“ 2 Last but not least – will die Oper Halle sich am Spektakel mit einer Charakterstudie zu Luther und seinen Verehrern bereichern. Diese schreibt im Teaser ihres Kanwaten Projektes von Luthers sprachschöpferischem Genie, seiner gottgegebenen Liebe zur Obrigkeit und aber auch seinen dunklen Seiten, um in der näheren Beschreibung zu sagen: „Es geht um die Wirkkraft von Martin Luthers Gedankenwelt bei der Bildung der deutschen Sprache, des deutschen Volkes und dessen demokratisch legitimierter Herrschaft. Die Ambivalenz gerade des politischen und von der Politik vereinnahmten Luthers steht hierbei im Fokus.“ 3 Die Ambivalenz des Martin Luther. Die Vermutung liegt nahe, man habe es hier mit einer multiplen Persönlichkeit zu tun: Hässlich und schön, intellektuell und abergläubisch, demokratisch und obrigkeitsliebend, hell und dunkel. What a man oder vielleicht doch a woman? Eigentlich ist anzunehmen, dass eine hässliche Seite nicht unbedingt mit einer schönen einhergeht sowie Intellekt nicht das Resultat von Aberglaube ist. Obrigkeitsliebe und demokratisches Grundverständnis scheinen nicht einmal in der Türkei vereinbar und überhaupt ist meistens das Licht an oder aus.

Das Oxymoron Martin Luther (mehr…)