Berühmt und berüchtigt – Nicht trotz, sondern wegen seiner Schweinereien

In Deutschland setzt mal wieder die Zeitrechnung aus. Anstelle von 2017 befinden wir uns plötzlich im Jahre 471 n.L.. Wer es noch nicht gewusst hat, weiß es spätestens jetzt. Jedoch haben nicht nur die Geschenkartikelbranche, Souvenirhersteller, Playmobil und Backwarenproduzenten Lunte gerochen, auch Wissenschaft, Politik und Kultur wollen ihren Krümel vom Lutherkeks haben. Deshalb tönt es gerade wieder aus allen Ecken: Deine Lutter!

Wer ist Luther und wenn ja, wie viele?
Mittlerweile ist bekannt: Luther war nicht nur gut. So schreibt Deutschland Radio Kultur einen Artikel über „Den hässlichen Luther“ und der evangelische Kirchenkreis Neukölln redet vom „hellen und vom dunklen Luther“ 1. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland spricht sich für einen offenen Umgang mit den „dunklen Seiten“ des Reformators aus. Margot Käßmann – die Lutterbotschafterin im Mutherjahr – sagt in einem Interview mit der Emma: „Na klar, ich weiß: Die Kirchen und die Frauen, das ist ein ganz eigenes Thema. In den Religionen herrschen oft patriarchale Zustände. Und auch Martin Luther kann kritisch angefragt werden.“ Schließlich neigen selbst Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben ihn zu kritisieren dazu, auf den scheinbaren Widerspruch seiner Person zu verweisen: „Martin Luther (…) war sicherlich ein großer Intellektueller, doch letztendlich auch ein schwacher, von teils undefinierbarer Angst erfüllter, umtriebig destruktiver Charakter. (…) Außerdem galt er als zutiefst abergläubischer Mensch, der sich vor Hexen fürchtete und nicht müde wurde, deren Tod einzufordern.“ 2 Last but not least – will die Oper Halle sich am Spektakel mit einer Charakterstudie zu Luther und seinen Verehrern bereichern. Diese schreibt im Teaser ihres Kanwaten Projektes von Luthers sprachschöpferischem Genie, seiner gottgegebenen Liebe zur Obrigkeit und aber auch seinen dunklen Seiten, um in der näheren Beschreibung zu sagen: „Es geht um die Wirkkraft von Martin Luthers Gedankenwelt bei der Bildung der deutschen Sprache, des deutschen Volkes und dessen demokratisch legitimierter Herrschaft. Die Ambivalenz gerade des politischen und von der Politik vereinnahmten Luthers steht hierbei im Fokus.“ 3 Die Ambivalenz des Martin Luther. Die Vermutung liegt nahe, man habe es hier mit einer multiplen Persönlichkeit zu tun: Hässlich und schön, intellektuell und abergläubisch, demokratisch und obrigkeitsliebend, hell und dunkel. What a man oder vielleicht doch a woman? Eigentlich ist anzunehmen, dass eine hässliche Seite nicht unbedingt mit einer schönen einhergeht sowie Intellekt nicht das Resultat von Aberglaube ist. Obrigkeitsliebe und demokratisches Grundverständnis scheinen nicht einmal in der Türkei vereinbar und überhaupt ist meistens das Licht an oder aus.

Das Oxymoron Martin Luther
Übersehen wird in solcherlei Beschreibungen nicht der Balken im eigenen Auge, eher schon das Brett vorm Kopf. Der Ursprung des widersprüchlichen Luther, liegt nämlich nicht in seiner Person selbst, sondern in der nachträglichen Konstruktion dieser. Die Gesellschaft, deren Mitglieder sich sonst so unfähig erweisen Widersprüche auszuhalten, hat hier ausnahmsweise kein Problem damit. Besonders die Zeitschrift „scientia Halensis“, das Magazin der Martin-Luther-Universität, beweist Solidarität getarnt als Dummheit, gegenüber ihrem Namenspatronen. So schreiben die Wissenschaftler im Magazin: „Luther setzte sich aber auch für eine Wissenschaft ein, in der die rationale Erkenntnis über den christlichen Dogmen steht.“ Um zwei Sätze später fortzufahren, worin diese rationale Erkenntnis besteht: „[Er] sei nach dem intensiven Studium der Bibel von der Kraft seiner eigenen Argumente überzeugt gewesen, die Kirche habe ihm keine sachlichen Gegenargumente liefern können. Zudem: Die theologische Erkenntnis – aus dem Studium der Heiligen Schrift gewonnen – steht für ihn über jeder irdischen Autorität sei sie noch so mächtig.“ 4 Die Kraft der eigenen Überzeugung aus der Bibel gewonnen, das würde vermutlich in keiner Seminararbeit als Quelle durchgehen, aber die hallesche Wissenschaftszeitschrift sieht hierin den Ursprung von „Rationalität und wissenschaftliche[r] Erkenntnis“ 5. Auch gilt Luther dort als Wegbereiter der „Trennung von Staat und Kirche“ 6. Dem steht nicht entgegen, dass Luther jegliche Gesetzgebung von Menschen, anders ausgedrückt: „irdische[r] Autorität“ 7 gegenüber der Autorität Gottes abwertete. Im selben Atemzug erklärte Luther gleich noch seine subjektive theologische Erkenntnis für die Gottes. Verrückter Typ! Sollte man meinen. Dass sich jedoch hierin eine solide Grundlage für einen säkularisierten Staat verbirgt, darauf wären wohl die Wenigsten gekommen. Hinzukommend wird seitens der Autoren gekonnt ignoriert, dass genau diese Trennung von Staat und Kirche im Reformationsjahr aufgehoben wird. Zumindest spricht die Investition von über 80 Millionen Euro seitens Sachsen Anhalts dagegen8. Die nächste Conklusio erfolgt in Anbetracht von Luthers hoher Tiefachtung vor Frauen, die sich in Sätzen wie: „Eine Frau hat häuslich zu sein, das zeigt ihre Beschaffenheit an; Frauen haben nämlich einen breiten Podex und weite Hüften, daß sie sollen stille sitzen.“ oder „Die größte Ehre, die das Weib hat, ist allzumal, dass die Männer durch sie geboren werden.“ 9 ausdrückt. In einem solchen Kontext scheint es konsequent und folgerichtig, dass Luther von der Gleichstellungsbeauftragten der Theologischen Fakultät als „erster neuer Mann“ angeblich die Gleichwertigkeit aller Menschen begründete10. Die scientia Halensis macht deutlich: Logik und Lutherliebe tragen zwar den selben Anfangsbuchstaben, stehen sich in Inhalt und Anspruch aber feindlich gegenüber.

Alles ist eins
Aber wie die Sonne und der Mond, die Ebbe und die Flut, der Himmel und die Erde ein großes Ganzes bilden, bilden auch die vielen Luthers letztlich eine Einheit, die in sich stimmig ist. Es existiert mittlerweile eine Art von „sich kritisch gebendem stillschweigendem Einverständnis“ mit Luthers offensichtlicheren Schweinereien – Antisemitismus, Frauenverachtung, Befürworter des Mordens behinderter Menschen – um hier nur ein paar Dinge zu nennen. Diese werden im Zuge seiner großen Verdienste als Kavaliersdelikte hingenommen. Deshalb lohnt es sich einmal zu fragen, worin seine großen Verdienste bestehen? Was tat er also schon, der Luther? Er hat angeblich mit einem Nagel ein paar Blätter Papier an eine Tür gehauen, mit Sachen drauf, die „denen da oben“ nicht passten11. Aber wer von uns hat noch nie ein Poster aufgehangen, bloß um seine Eltern zu provozieren oder eine Wand besprayt, um gegen das System zu schimpfen? Sind wir also alle kleine Luthers?

Nein, denn was die meisten von uns von dem großen Reformator trennt, sind die zwar nicht nur durch ihn, aber im Wesentlichen mit ihm und vor allem in ihm angestoßenen Veränderungen einer repressiven Religion in eine nicht viel bessere. So agierte er gegen den Ablasshandel, etablierte aber zugleich ein Arbeitsverständnis, welches den Ablasshandel fast wieder erstrebenswert erscheinen lässt. „Ora et labora“ statt „Kauf dich frei von deinen Sünden“. Karl Marx schrieb 1844 über Luther: „Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt.“ 12 Luther befreite folglich den Menschen, damit er sich nunmehr freiwillig unterwerfen sollte. Er entgrenzte die Religion und machte ihren Einfluss damit umfassender, nicht geringer. Er war gegen die Kirche, nicht etwa, weil diese sich gegen den Menschen richtete. Er war gegen die Kirche, weil diese es sich erlaubte selbst Gesetze zu schaffen und den weltlichen Genüssen zu erliegen. Friedrich Nietzsche sagte zur Wirkung Luthers: „Was geschah? Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach Rom. Dieser Mönch, mit allen rachsüchtigen Instinkten eines verunglückten Priesters im Leibe, empörte sich in Rom gegen die Renaissance… (…) Luther sah die Verderbnis des Papsttums, während gerade das Gegenteil mit Händen zu greifen war: (…) das Christentum saß nicht mehr auf dem Stuhl des Papstes! Sondern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens! Sondern das große Ja zu allen hohen, schönen, verwegenen Dingen!… Und Luther stellte die Kirche wieder her: er griff sie an… Die Renaissance – ein Ereignis ohne Sinn, ein großes Umsonst!“ 13

Warum also Luther?
Angesichts dieser doch sehr streitbar erscheinenden Verdienste, die vorab bereits von anderen Reformatoren und das in weitaus humanerer Weise vertreten und angeregt wurden, stellt sich die Frage warum gerade Luther so berühmt werden konnte? Heinrich Heine liefert die Antwort: „Die Feinheit des Erasmus und die Milde des Melanchthon hätten uns nimmer so weit gebracht wie manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin.“ Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr verwunderlich, warum die sich sonst nach autoritären Gestalten sehnende Gesellschaft, auf einmal auf der Seite des inszenierten Befreiers wägt. Es scheint, als ob es ihr nie darum ging sich von religiösen Dogmen und korrupten Priestern freizumachen, sondern nur darum, sich dem nächsten Kackmist unterzuordnen. Sich selbst eine Identität zu schaffen, ohne wirklich eine haben zu müssen und dabei noch laut schimpfen zu dürfen. Die Protestanten kamen zur Welt. Sie wähnen sich als eine Nachgeburt Luthers.31

Die anderen Folgewirkungen Luthers traten immer dann ans Tageslicht, wenn die Welt am dunkelsten war. So erlebte Luther im Nationalsozialismus sein großes Revival. Hitler war Fan: „Er war eine Persönlichkeit aus lebendiger Kraft, die Spitze einer breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes.“ „ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen.“ 15 Aber bereits der Weg in den Nationalsozialismus war von Luthers Denken begleitet. Heinrich von Treischke schrieb 1894 über Luther: „Das köstlichste Vermächtnis, das Luther unserem Volke hinterlassen hat, bleibt doch er selber und die lebendige Macht seines gottbegeisterten Gemüts. Keine andere der neuen Nationen hat je einen Mann gesehen, der so seinen Landsleuten jedes Wort von den Lippen genommen, der so in Art und Unart das innerste Wesen seines Volkes verkörpert hätte […] Wo immer deutsches und fremdes Volkstum feindselig aufeinander stößt, da war der Protestantismus allezeit unser sicherster Grenzhüter […]“ und „Aus den tiefen Augen dieses urwüchsigen deutschen Bauernsohnes blitzte der Heldenmut der alten Germanen. der die Welt nicht flieht, sondern sie zu beherrschen sucht durch die Macht des sittlichen Willens.“ 16 Die Jahre nach 1894 dienen als Beleg für den sittlichen Willen der alten Germanen versehen mit Machtanspruch.
Seine großen Befürworter bezogen sich also, wie hier deutlich wird, nicht primär auf seine reformatorische Arbeit, sondern vielmehr auf seine impliziten Verdienste für Volk und Nation sowie die Brutalität mit der er seine Überzeugungen an den Mann brachte. Dass die religiösen Auswirkungen dabei nebensächlich waren, beschreibt Hitler in „Mein Kampf“ so: „Es konnte in den Reihen unserer Bewegung der gläubige Protestant neben dem gläubigen Katholiken sitzen, ohne je in den geringsten Gewissenskonflikt geraten zu müssen.“ 17 Schon damals gab es schließlich etwas Größeres, was das fromme Volk einte. Auch das Datum auf der Taufkerze der Martin-Luther-Universität spricht eher für eine Benennung durch nationalsozialistische, denn reformatorische Eltern. Getreu dieser Überzeugung erlebte Luther erneut Aufwind mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus18, im Zuge der Wiedervereinigung der Nation. Deutschland war wieder mehr ein Ganzes und welch Wunder: auch wieder mehr Luther. Neue Städte und Länder entstanden. Wo vorher bloß ein Ort existierte oder ein Bundesland eines unter 16 war und dazu noch ostdeutsch, konnte es von nun an das ehrenwerte Luther im Namen führen.

Luther Verteidigung als Form der Vergangenheitsbewältigung
In Anbetracht dieser Erfolgsstory made in Germany, scheint es nicht ganz so verwunderlich, dass seine Verehrung fortlaufend immun gegen Kritik ist. Wie ein Antibiotika resistenter Keim, wird sie stärker und vielfältiger durch sie. Sie macht aus ihm einen fehlbaren Deutschen: „Dennoch können wir uns Luther, dessen späte judenfeindliche Schriften erst im 20.Jahrhundert umfassend aufgearbeitet worden sind, in vielen Fällen nicht zum Vorbild nehmen. Aber das hätte er auch selbst nicht gewollt. Denn im Kontrast zu mancher späteren Verherrlichung war er sich seiner Menschlichkeit und Fehlbarkeit stärker bewusst, als es spätere Lobredner wahrhaben wollen.“ 19 Hierin verbirgt sich nicht nur die Vermenschlichung des Unmenschlichen, sondern zugleich noch eine Anklage. Luther selbst wollte das alles gar nicht! Er ist also in erster Linie Opfer seiner Inszenierung, nicht Täter. Fast wie damals die Deutschen nach dem Krieg. Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann erklärt das so: „Luther konnte sich den Judenmord nicht vorstellen“ , denn „Er wollte jüdischem Leben die Grundlage entziehen, nicht weniger, aber auch nicht mehr.“ 20 Die Berufung auf die späte Aufarbeitung der judenfeindlichen Schriften, macht das Ganze ebenfalls nicht besser. Wo ein Tsunami angebracht wäre – nur die Kreise kleiner Tropfen, denn lautes Schweigen kennzeichnet die Debatte: „Auf ihrer Herbstsynode im Frankfurter Dominikanerkloster hat sich die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) formal von den judenfeindlichen Spätschriften Martin Luthers distanziert.“ 21 Formal meint seiner Bedeutung nach: „nur der Form nach, ohne eigentliche Entsprechung in der Wirklichkeit.“ 22 Antisemitismus als Formalie. Abgearbeitet, nicht aufgearbeitet. Auch stellt sich die Frage: Aufarbeitung wovon? Müssen judenfeindliche Schriften à la Luther wirklich erst gedreht und gewendet werden, damit ihr antisemitischer Gehalt aufgedeckt wird? Wo in der Trennung von schaffendem und raffenden Kapital noch eine gewisse Abstraktionsleistung von Nöten ist, um den antisemitischen Stereotyp dahinter zu entlarven, besteht bei Aufforderungen wie: „ihre Synagogen niederzubrennen, ihre Häuser zu zerstören und sie wie Zigeuner in Ställen und Scheunen wohnen zu lassen, (…) ihren Rabbinern das Lehren bei Androhung der Todesstrafe zu verbieten“ 23, die Bewusstseinsleistung eher darin, den Antisemitismus nicht zu erkennen. Spätestens mit dem Vermerk „nicht in allen Fällen zum Vorbild nehmen“ beweist der Rektor der Uni Halle, die Sinnlosigkeit dieses ganzen pseudo kritischen Unterfangens. Das besagt nämlich zugleich: in anderen schon. Und Hitler baute schließlich auch die Autobahn, oder?

Sind wir nicht alle ein bisschen Luther?
Kritik an Luther zeigt also: Dieser war nicht nur Mönsch, er war auch Mench. Das hilft zu verstehen, warum die halbe Wissenschaft sowie Feuilleton und Kultur (auch alles Mönschen) zur Verteidigung Luthers herbei eilen. Eine Luther-Karikatur brachte noch nicht einen wütenden Protestanten auf die Straße. Kritik an ihm verläuft in der Regel ohne Sanktionen und ist nicht an eine reale Bedrohung geknüpft. Möglicherweise rührt dieser reflexartige Relativierungsinstinkt24 deshalb nicht aus dem untrüglichen Glauben an Luther oder der Angst davor, Schelte an ihm zu betreiben. Schon eher jedoch aus dem Wissen, dass die eigenen Vorfahren nicht viel besser waren und der Ahnung darüber, dass der eigene Charakter selbst oft sexistisch – um im Duktus zu bleiben – fehlbar ist und man entgegen besseren Wissens, Menschen ohne Arbeit, immer noch für wertloser hält als Menschen mit. Würde ein solches Denken bei Luther sanktioniert werden, könnte beim eigenen Selbst nicht Halt gemacht werden. Somit greift Kritik an Luther nicht nur Luther an, sondern alle jene, die gleiche Züge in sich ahnen. Und deshalb dient die Verteidigung seiner Person nicht primär der Verteidigung dieser, vielmehr dient sie vornehmlich der Rechtfertigung der eigenen Verfehlungen und der Beschwichtigung der eigenen Geschichte. Luther fungiert hierbei als Identifikationsfigur und Bestärkung für ein solches Fehlverhalten. Als Beweis und Versicherung dafür, dass hierzulande niemand etwas zu befürchten hat, außer die Stilisierung zur Ikone.

„Nach der Händel-Torte kommt der Luther-Kuchen“25
Eine solche Ikonisierung geht natürlich immer mit ihrer Vermarktung einher. Schließlich findet auch das ökonomische Interesse seinen Ausdruck in der Luther-Tümmelei. Der Luther-Kuchen liegt nicht bloß schwer im Magen, sondern auch im Geldbeutel. Die Bundesregierung misst „der Lutherdekade und dem Reformationsjubiläum bei der Werbung für das Reiseland Deutschland besondere Bedeutung hinsichtlich seiner touristischen und wirtschaftlichen Wirkung27 zu und von der „Backmischung Ökumenisches Vesperbrot“ über die „Beachflag Reformation“ bis zur „Nylon Frisbee Scheibe Hallo Luther“28 ist alles da, was das asketische Protestantenherz begehrt. Hier zeigt sich der Zusammenhang von Luther und Kapitalismus mal von einer anderen Seite. Die Reformation frisst sozusagen ihre eigenen Kinder. Dass eine solche Vermarktung eher weniger im Sinne ihres Erfinders liegt, verweist erneut darauf mit welcher Beliebigkeit die theologischen Überzeugungen Luthers konsumiert werden. Wo es um Geld geht, sind Gebote – mögen sie von Gott höchstpersönlich sein – zweitrangig. Das denken sich wahrscheinlich auch all jene, die ihr Leben lang in der Auffassung, dass Luther ein Held gewesen sei und kein Schwein, Bücher darüber verfassten. Denen fällt es zunehmend schwer sich ihrer ökonomischen Grundlagen zu entbehren und das eigene Werk als nichtig zu titulieren. Man sägt nicht an dem antisemitischen Ast, auf dem man sitzt. Lieber schreibt man weiter Texte drum herum und hofft so, der Wald möge vor lauter Büchern nicht gesehen werden.

Die Kontinuität Martin Luthers
Anstelle und vor allem in Anbetracht der großen Gefahr aufzufliegen, endlich über Luther zu schweigen und auf die Kröten zu verzichten, gehen seine Apologeten und Nutznießer auch 2017 wieder in die Vorwärtsverteidigung. Die christliche Religion – wohl wissend, dass sie ausgedient hat – bildet seit geraumer Zeit Luther-Allianzen. Christoph Türke beschreibt die Zusammenarbeit so: „In gewisser Weise ist das Lutherjahr auch ein modernes Märthyrerfest – ein Gegenprogramm gegen die diabolische Versuchung, die von islamistischen Djihadisten und Selbstmordattentätern auf die westliche Welt ausgeht.“ 29 Ein Feind eint bekanntlich mehr als jede Gemeinsamkeit. Der Papst, dessen Delegitimation Luther einst vorantrieb, trifft sich mit dem lutherischen Weltbund. Das Motto ist klar: Lieber eine Religion, als keine Religion. Auf individueller Ebene findet die erneut aufkeimende Sehnsucht nach Autorität, kombiniert mit dem gleichzeitigen Verlangen gegen das Establishment zu protestieren, in der Begeisterung für Martin Luther ihren Ausdruck. Dieser war schon damals die Stimme des kleinen Mannes. Und zwar dessen, der sich seit jeher ungerecht behandelt fühlt und die Schuld nicht bei sich oder komplexeren Zusammenhängen, sondern nur bei Anderen sucht. Heute ist Luther erneut eine Projektionsfläche für Menschen, denen zwar nicht alles passt, wie es ist, die aber auch nicht wissen, wie man es besser machen könnte. Sich deshalb in die Autorität von Staat, Religion, Personal-Trainer, Paelo-Ernährung und Mandalas flüchten. Dabei stets anderen die Schuld am eigenen Unglück geben. Auch auf staatlicher Ebene lässt sich das Reformationsjubiläum, kurz das Lutherjahr, nicht als Weiterentwicklung der Räson deuten. „Der deutsche Bundestag stellt fest: (…) Bei dem Reformationsjubiläum im Jahr 2017 handelt es sich um ein kirchliches und kulturgeschichtliches Ereignis von Weltrang. (…) Die Lutherdekade und das Reformationsjubiläum 2017 werden nicht nur ein nationales, sondern europäisches und internationales Ereignis sein, bei dem Deutschland historischer Ursprungsort der Reformation ist. Deutschland steht dabei im Mittelpunkt der internationalen Vernetzung.“ 30 Deutschland im Mittelpunkt der internationalen Vernetzung. Das hätte nicht nur Martin Luther gefallen.
In diesen Momenten zeigt sie sich wieder am stärksten – die Kontinuität Martin Luthers. Nicht etwa im Zusammenhang mit Aufklärung, Säkularisierung und Humanismus. Sie zeigt sich am deutlichsten in der Dreifaltigkeit des Zusammenhangs von Religion, Herrschaft und Kapital und insbesondere dort, wo es um Deutschland geht. Die konstruierte Wendung der Person Luthers zum großen Reformator, fehlbaren Frommen, sympathischen Wüterich und Auch-Menschen dient vor diesem Hintergrund bestens dazu, der Frage aus dem Weg zu gehen: Warum so ein Volltrottel hierzulande so berühmt werden konnte? Die Antwort wäre: Gar nicht trotz seiner dunklen Seiten, sondern genau wegen dieser.

  1. http://www.neukoelln-evangelisch.de/event/2828133 [zurück]
  2. https://hpd.de/node/13504 [zurück]
  3. http://buehnen-halle.de/luther_das_kantatenprojekt#!/ [zurück]
  4. Scientia halensis: „Reformation als Massage“, Ausgabe 1/17 , S.8 [zurück]
  5. Ebd. S.11 [zurück]
  6. Ebd. S.11 [zurück]
  7. Ebd. S.11 [zurück]
  8. http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/refjahr-was-kostet-das-jubilaeum-100.html [zurück]
  9. http://www.projektwerkstatt.de/religion/luther/luther_zitate.html [zurück]
  10. Andersgläubige, Behinderte und Frauen ausgenommen. [zurück]
  11. Für den berühmten Thesenanschlag gibt es bis heute keine Beweise. [zurück]
  12. Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung [zurück]
  13. Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist ; 61-62 [zurück]
  14. Zitat Hitler, Opernzeitung Halle [zurück]
  15. Zitat Hitler, Opernzeitung Halle und http://www.theologe.de/adolf-hitler_martin-luther.htm#Adolf-Hitler_und_Martin-Luther [zurück]
  16. Heinrich von Treischke über Luther nachzulesen in: „Luther in der deutschen Geschichtschreibung“ https://www.historicum.net/themen/reformation/mythos-reformation/1-sprachliche-dimension/b-geschichtsschreibung/ [zurück]
  17. Opernzeitung 2.Spielzeit Oper Halle, S.10-11 [zurück]
  18. Vgl. Türke, Christoph: „Luther – Steckbrief eines Überzeugungstäters“, S.9 [zurück]
  19. Prof. Dr. Udo Sträter, Rektor der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg: Scientia Hallensis, S. 3 [zurück]
  20. https://www.luther2017.de/kr/wiki/martin-luther-und-die-juden/kirchenhistoriker-luther-konnte-sich-judenmord-nicht-vorstellen/ [zurück]
  21. https://www.luther2017.de/kr/wiki/martin-luther-und-die-juden/ [zurück]
  22. Duden [zurück]
  23. Luthers Sieben-Punkte Plan zum Umgang mit den Juden https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_und_die_Juden#.C3.9Cbersicht [zurück]
  24. Luther als „Kind seiner Zeit“ etc. [zurück]
  25. http://www.mz-web.de/24255116 ©2017 [zurück]
  26. Opernzeitung, S. 10-11 [zurück]
  27. Das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 – Ein Ereignis von Weltrang http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/064/1706465.pdf [zurück]
  28. http://www.komm-webshop.de/produkte/luther-2017.html [zurück]
  29. Türke, Christoph: „Luther – Steckbrief eines Überzeugungstäters“, S.11 [zurück]
  30. Das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 – Ein Ereignis von Weltrang http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/064/1706465.pdf [zurück]
  31. Der Protestantismus trug einst revolutionäre Elemente in sich. Jedoch reduzierten und reduzieren Gegner und Anhänger der Reformation diese auf die Figur Martin Luther und schufen sich somit einen neuen Bezugspunkt, in dessen Wirkkreis sie sich heute und schon damals verorteten. Die geschichtliche Dialektik, welche die Reformation unvermeidlich machte, wird dabei ausgeklammert. Siehe dazu: Felix Riedel: „Religion berauscht nicht mehr“ in Jungle World 22/2017 [zurück]

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