Aber doof geworden sind alle

[Zur Diskussion über den Magnus Klaue Vortrag am 15.11 in Leipzig – https://www.facebook.com/events/483399548707463/]

Wer sich heutzutage fragt, wo sich die Enkel und Urenkel berühmter Intellektueller aufhalten, der muss nicht lange suchen. Auch wenn ihre Großväter und Großmütter vermeintlich noch nichts von den neuen Möglichkeiten politischer Partizipation geahnt haben und noch versuchen mussten unbequeme Inhalte in Zeitschriften, bei Verlagen oder in Form von Flugblättern an die Öffentlichkeit zu bringen, haben ihre Nachfahren einfachere Wege gefunden. Bücher mit lediglich 120 Zeichen, seit neuestem sogar 280 1, und Postings über Facebook machen jede Anstrengung unnötig – nicht einmal der Briefkasten liegt auf dem Weg zur digitalen Revolution. Theodor W. Adorno zählt laut Facebook ungefähr 30 Verwandte und er selbst scheint sich kurz vor seinem Ableben auch noch 15 Profile zugelegt zu haben, die er mal mit Realname Theordor W. Adorno, mal mit seinem Nickname Teddy versah2. Selbst seine beiden Töchter Theodora und Sabine treiben sich auf Facebook umher. Und ein Hybrid namens Adorno Horkheimer3 ist ebenfalls dort vertreten. Auch Jean Améry hat es irgendwie noch vor seinem Ableben im Jahre 1978 auf die Plattform geschafft4. Karl Marx gefällt das.
Wer sich nicht in eine Linie prominenter Abstammung stellen kann, dem bleiben andere Möglichkeiten, um seine Zugehörigkeit zum Politeriat innerhalb der selbstreferentiellen Community zu kennzeichnen. Da war man auf der Frankfurter Schule5 oder arbeitet beim Verfassungsschutz. Auch Hintergrundbilder wie: „Her mit dem schönen Leben“ oder „Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…“ Adorno: „Mir nicht!“ ermöglichen eine schnelle politische Einordnung. Ein Profilbild von einer politischen Aktion: Free [hier bitte beliebigen Namen einsetzen] oder ganz klassisch einfach das Emblem Communism irgendwo hinklatschen. Subtiler ist das unauffällige Teilen von Veranstaltungen politischer Art sowie das zufällige Auftauchen der Dialektik der Aufklärung im Hintergrund von einem Bild der eigenen Katze. Ansonsten ist weiterhin beliebt das Fotografieren neu erworbener Bücher mit Herzchen und dem Ausruf: „Endlich, die Adorno Gesamtausgabe!“ oder Aufrufe, die ungefähr so klingen: „Ich suche den Aufsatz, den Walter Benjamin über das dialektische Verhältnis von Kunst und Kopie geschrieben hat, kann jemand helfen?“ Nein, wahrscheinlich nicht und bestimmt gibt es ihn auch in der Bibliothek, aber so bemerkt ja niemand, dass man diesen Aufsatz liest.

Der Papst im Conne Island

Gerüchten zufolge soll das Conne Island schon eine Wand eingerissen haben um Platz für die 144 Teilnehmer und 1209 Interessierten zu schaffen (Zahlen steigend). Die Vorbereitungen laufen seit mehreren Tagen. Ponys werden nachgeschnitten, New Balance Schuhe sind in Leipzig ausverkauft und Lonsdale plant einen Merchandise Stand am Eingang. Menschen wollen aus Bangladesh einreisen und die hoffnungsvolle Marina will extra aus München kommen. Die Bahn rechnet mit überfüllten Zügen aus dem Umland ab 17 Uhr. Eine Gruppe aus Halle hat den Mannschaftsbus des HFC gemietet, um in Bezugsgruppen die Überreise anzutreten (Restkarten gibt es hier: https://eventimsports.de/ols/hfc/de/ek/channel/shop/index). Alle wollen dabei sein, zumindest tun sie so [wird es 1 Audiomitschnitt geben? Ich brauch den auch wohn zu weit weg. Würde ich auch sehr schätzen]. Einige Personen fassen ihre Einladung zur Veranstaltung sogar als direkte Provokation auf [Der Ankündigungstext, schön und gut… aber mich einzuladen spätestens das war doch ein Trollversuch, oder?] und verweisen noch einmal auf alte Postings von sich, die doch ganz genau sagen, dass man so etwas nicht mag. Komisch warum die noch niemand gelesen hat? Es verspricht eine hitzige Diskussion zu werden. Oder warum wird nach genügend Popcorn gefragt?
Doch gemeinhin hört man nach dem Vortrag nur das Ploppen einer Bierflasche und betrunkenes Schweigen. Logisch, die Diskussion ist ja auch schon gelaufen: über Facebook. Dort wird sich bereits vorab Phrase um Phrase ums Ohr gehauen [taktisches Verhältnis zum Gegenstand, Diskursanalyse, reaktionäre Geschlechternormen als Kohärenzmittel, kognitive Dissonanz, autoritärer Duktus im Diskurs, Hegemonie, Jargon, postkonstuktivistisch/postmodern/intersektional, Versprachlichung gesellschaftlichen Bewusstseinswandels] und all das sogar bevor der Vortrag stattfindet!!1! Während die einen dabei meinen einem Ankündigungstext die Stirn bieten zu müssen, stellen sich die anderen vor ihn und seinen Propheten [Was hast du gegen Klaue? Würden mehr Menschen auf ihn hören, wäre die Welt ein besserer Ort.]. Das ist nicht ideologiekritisch, das ist idiotisch. Dabei geht es schon lange nicht mehr darum miteinander zu diskutieren, sondern möglichst schnell die eigene Position klar zu machen, um zu zeigen auf welcher Seite man steht. In erster Linie aber, dass man überhaupt noch irgendwo steht. Stets in der Hoffnung sich damit ein Like zu fangen und am besten noch den Anderen vorzuführen #superior. Statt miteinander zu reden oder zu streiten, so wie das eigentlich mal gedacht war – Angesicht zu Angesicht – fetzt man sich jetzt – Face to Face – und zwar nicht um den Konflikt zu suchen, sondern um ihn zu vermeiden. Beim Kommentieren und Posten kann man schnell noch einmal Argumente googlen, unbekannte Worte nachschlagen und Sätze formulieren, die man so nie aussprechen, geschweige denn verstehen würde. Dieses Vorgehen dient der Rückversicherung, dass das, was man schreibt, auch mit der gewünschten Zugehörigkeit d‘accord geht – Copy Paste als oberstes Denkprinzip. Im Zweifelsfall besteht sogar die Möglichkeit, den Kommentar wieder zu löschen und somit etwas zurückzunehmen, was folglich nicht länger im Forum steht. Hierbei findet eine Zurschaustellung wieder gekauter Positionen statt, die nicht der Verteidigung der Inhalte dienen soll, sie zielt auf die Anerkennung der eigenen Crowd. Damit werden Diskussionen nicht gefördert, sondern abgebaut. Indem einerseits alles Spontane und Nonverbale (Mimik, Gestik, Tonfall, Sarkasmus, Ironie) substrahiert wird und andererseits der Konflikt im Real Life nicht mehr gefochten werden muss. Wohl wissend, dass man selbst aufflöge, würde man sich real und ohne Laptop auf die Diskussion einlassen – denn die Halbwertszeit googleten Wissens gleicht eher der von Jod als von Plutonium6 – schweigt jeder aus Angst vorm Dominoeffekt in sich rein und hofft, dass bloß niemand nachfragt. Wenigstens darin sind sich alle einig.

Die digitale Regression

Spätestens das Gelaber über Digitalisierung bei der Bundestagswahl hätte misstrauisch machen müssen. Wenn sich alle Parteien in einem Punkt einig sind, dann ist dies, das beste Zeichen dafür, dass etwas nichts, aber auch gar nichts ändert. Oder will die FDP etwa die Digitalisierung für mehr Umverteilung vorantreiben? Aber genau diese Nichtigkeit scheint der springende Punkt zu sein. Die Aneignung politischer Inhalte geht nirgendwo so leicht von der Hand wie Online. Das Wort digital stammt aus dem Lateinischen vom Wort Digtus. Was so viel heißt wie „den Finger betreffend, mit dem Finger“. Statt also die Faust zu ballen, hebt und senkt man jetzt den Daumen. Was den einen Tag gefällt, kann den anderen Tag schon wieder out sein. Nichts ist verbindlich, alles kann modifiziert werden. Aktivitätenprotokoll gelöscht, # entfernt, Like zum Dislike, Kommentar bearbeitet – Kontingenz statt Kontinuität. Man kann sich eine politische Identität schaffen, ohne je eine Diskussion gehabt zu haben – seine Meinung mitteilen, ohne je gehört zu werden – einen Freundeskreis haben, ohne irgendwen zu kennen. Das Zentrale dabei ist nicht der Glaube an die reale Kraft des eigenen Aktivitätenprotokolls, sondern die Illusion von Wirksamkeit, die es dem User beschert und die damit einhergehende Konsequenzlosigkeit. Oder wer musste sich schon einmal dafür verantworten, dass er sich bei Facebook im Angesicht seiner faschistischen Freunde von rechten Positionen distanziert hat?
Das Social Media, insbesondere Facebook, ist ein Spielplatz für Kinder, die sich nicht trauen auf Bäume zu klettern. Ein Medium für Menschen, die real nicht die Mühe aufbringen wollen sich eines zu schaffen. Die Verlagerung politischer Inhalte in die digitale Welt, lässt die Verhältnisse doch zumeist unbehelligt. Jeder dumme Post findet hier seinen Deckel, das Internet ist unendlich groß. Wenn einer Scheiße schreibt, schreibt ein anderer einfach mehr davon.
Der Kampf gegen Sexismus erfordert mehr als ein #metoo, Kritische Theorie ist kein Meme und eine Distanzierung von den Positionen der AFD im eigenen Facebook-Freundeskreis spricht entweder gegen diesen oder ist bloße Selbstdarstellung.
Und so wie nicht 1353 Menschen wirklich zu diesem Vortrag erscheinen werden…
So gibt es auch kein digitales Leben im Richtigen.

  1. Laut Deutschlandfunk hat der Nachrichtendienst Twitter festgestellt, dass sich Menschen mit 280 Zeichen besser ausdrücken können und zugleich weniger Probleme beim Formulieren haben, weil die Wortwahl nicht mehr so stark überdacht werden muss. [zurück]
  2. https://www.facebook.com/search/str/wiesengrund/keywords_users [zurück]
  3. https://www.facebook.com/search/str/horkheimer/keywords_users [zurück]
  4. https://www.facebook.com/search/str/jean+amery/keywords_users [zurück]
  5. https://www.facebook.com/Frankfurter-Schule-gang-doing-things-1717951901829894/?ref=br_rs [zurück]
  6. Hier der Beweis: Informationen über Halbwertszeit gegoogelt und direkt wieder vergessen. [zurück]

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