Kritik an der Veranstaltung „Religionsfreiheit & Gleichberechtigung im int. Menschenrecht“ der Heinrich-Böll-Stiftung

Nach allem was dem Ankündigungstext der Heinrich-Böll-Stiftung zu entnehmen ist, steht der heutige Vortrag von Prof. Dr. Ulrike Lembke stellvertretend für die Probleme linksliberaler Religionskritik. Man muss den Vortrag nicht gehört haben, um zu wissen, dass er eine routinierte Verteidigungsrede für den Islam sein wird, die stets dem gleichen Muster folgt — ein Blick in den Ankündigungstext genügt. Dort sind die beiden Lieblingsweisheiten der linksliberalen Islamdebatte formuliert:
1. Der Islam ist wie jede andere Religion
2. Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Perspektiven.

Weltmarkt und Emanzipation
Die Aufklärung hatte einmal den Anspruch einer universalistischen Vernunftmoral formuliert. Die Durchsetzung des freien Weltmarktes, auf dem sich rechtlich freie und gleiche Bürger gegenübertreten konnten, fußte auf diesem Anspruch. Gleichzeitig wurde mit dem Anspruch auf Fortschritt und Aufklärung auch ein utopischer Überschuss formuliert, der über die zeitgenössische Kritik an Kirche und Monarchie hinauswies, die den entstehenden Kapitalismus noch fesselten. Diesen Anspruch, dessen Verteidigung gegen die Veranstalter dieses Vortrages nach wie vor lohnt, hat Karl Marx zu einer berühmten Formulierung zugespitzt: “Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.”
Emanzipation und Marktdurchsetzung gingen eine Zeit lang Hand in Hand, da die bürgerliche Ideologie die Religion zur Privatsache machte. So kam dank des Weltmarktes die rechtliche Gleichheit auch in die rückständigeren Teile der Erde.
Mittlerweile ist dieses Band zwischen Marktdurchsetzung und Emanzipation allerdings gerissen. Längst hat die Geschichte gezeigt, dass eine Anbindung an den Weltmarkt und wirtschaftlicher Fortschritt auch ohne Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu haben sind. Wer deshalb bereit sein will, als Global Player zu agieren und mit Putin, Erdogan, den iranischen Mullahs oder Saudi-Arabien Geschäfte zu machen, kann sich kaum auf den Universalismus berufen, sondern muss die entsprechende Flexibilität an den Tag legen. Das ideologische Rüstzeug für diejenigen, die sich in den Parlamenten und Chefetagen von Morgen sehen, d.h. die Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler von Heute, stellen Veranstaltungen wie diese bereit. Hier werden Fragen der Menschen- und Frauenrechte zu Kulturunterschieden verklärt, die eben “immer konflikthaft” — naturgemäß also nicht lösbar — seien. Wenn in den Universitäten, wie im Ankündigungstext, entsprechend von “Spannungsfeldern” die Rede ist, verbirgt sich dahinter häufig die Aufforderung, sich über die eigenen moralischen Skrupel nicht allzu viele Gedanken zu machen und stattdessen “produktiv” mit ihnen umzugehen. Das bedeutet nichts Anderes als Konformismus. Schlagworte wie “interkulturelle Kompetenz”, “Toleranz” und “Weltoffenheit” geben der Entsorgung von Aufklärung und Vernunft zugunsten von Beliebigkeit und Prinzipienlosigkeit ihren notwendig positiven Beiklang.

Diskursanalyse statt Wissenschaft

Mit der Erosion des Aufklärungsanspruchs sowie der Kategorie der Vernunft, aus denen die moderne Wissenschaft einmal hervorging, hat sich auch die Art und Weise verändert, wie Wissenschaft betrieben wird. Eine mittlerweile gängige Methode ist es, ein Potpourri von Aussagen zu einem Thema zu sammeln, bis man alle denkbaren Positionen zusammen hat und sie anschließend in eigenen Worten wiederzugeben oder in Kategorien zusammenzufassen. Das nennt sich dann “Diskursanalyse” und ist bei studentischen Hausarbeiten besonders beliebt, weil es der Denkfaulheit der meisten Studierenden entgegenkommt und schnell viele Seiten füllt. Es ist aber auch im akademischen Mittel- und Überbau immer verbreiteter, weil es davon entbindet, eine Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Da, wo die reine Sprachanalyse die Durchdringung der Verhältnisse ersetzt, wird die Wissenschaft zum Raum für ein Selbstgespräch. Um dennoch in der Politikberatung mitspielen zu können, werden die gesammelten und gruppierten Aussagen gern nach eigenem Gusto mit Stigmata versehen und beispielsweise als islamophob bewertet. Wo sich früher selbst die vulgärmarxistischste Ideologiekritik die Mühe machte, den Wahrheitsgehalt einer Aussage zu widerlegen, um dann danach zu fragen, warum sie dennoch geglaubt wird, bleibt bei der Diskursanalyse nur die Beliebigkeit der Unterstellung von “Diskurseffekten” und damit, die Delegitimation bestimmter Aussagen durch den moralischen Zeigefinger übrig. Die Frage, ob der Islam der “Gleichberechtigung der Geschlechter entgegenwirkt” wird im Veranstaltungsflyer entsprechend nicht gestellt, sondern als reines Distinktionsmittel diskreditiert und so zur “Unterstellung”. Folgerichtig dient auch die “Rede von der Gleichberechtigung” nur dazu “die islamische Religion als rückständig und frauenfeindlich zu brandmarken und sich selbst als fortschrittlich und aufgeklärt darzustellen.” Mit dieser Vorgehensweise lässt sich, je nach politischem Kalkül, so ziemlich alles wahlweise verteidigen oder an den Pranger stellen.

Wünsch dir was statt Kritik der Religion
Mit der ‘Kritik der Religion’ war einmal mehr gemeint als im heutigen Ankündigungstext zu finden ist. Da weisen nämliche einfach „alle großen Religionen starre Geschlechterbilder und Rollenvorstellungen” auf. Dabei war es bereits Ziel der Aufklärung, eine bestimmte Ausprägung der Religion und ihre Verbindung mit staatlicher Herrschaft zu kritisieren. Das in jahrhundertelangen Auseinandersetzungen in den Raum des Privaten zurückgedrängte Christentum von Heute ist etwas kategorisch anderes als die europäische Herrschaft des Klerus im Mittelalter. So sehr der allgemeine Satz richtig ist, dass jede Religion prinzipiell in den Privatraum zurückgedrängt werden könnte, so falsch wird er, wenn er als Zustandsbeschreibung für die Gegenwart verwendet wird. Anders als der Veranstaltungsflyer suggeriert — auf dem Frauen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit mit Kopftuch zu sehen sind — gibt es im Unterschied zum Islam eben keine Ehrenmorde an Nonnen, wenn sie sich entschließen, das Klosterleben aufzugeben oder gegen dessen Moralkodex zu verstoßen.
Im weltpolitischen Maßstab ist der Islam derzeit das erfolgreichste totalitäre politische Angebot, das existiert. Der Versuch, diesen konkreten Zustand durch den Verweis darauf zu verwischen, dass auch andere Religionen dieses Potential haben könnten, dient letztlich nur der Selbstversicherung, dass auch ohne Kritik, Wirtschaftssanktionen und politische Auseinandersetzungen eine Reform des Islam vom Himmel fällt. Dabei sind diejenigen, die meinen, den Islam immer wieder verteidigen zu müssen, um den Muslimen einen Gefallen zu tun, in Wahrheit die, die sie am wenigsten ernst nehmen. Sie zeigen sich unfähig, die Religion vom Individuum zu trennen – zwischen Kritik und Rassismus zu unterscheiden. „Wer Islamfeindlichkeit mit Rassismus gleichsetzt, erklärt die Zugehörigkeit zum Islam zu einem unabänderlichen, ‚quasi-rassistischen‘ Merkmal.“ (Sama Maani). Oder aber sie haben, angesichts von Diffamierungen, die gegenüber anderen Gruppen ausgeteilt werden – siehe den Anti-Feministen-Pranger der Böll-Stiftung – mehr Angst vor den Konsequenzen einer möglichen Kritik als sie sich eingestehen möchten.

Nicht der Islam, sondern die Islam
Was passiert, wenn man sich die eigene Lüge von der Gleichheit aller Religionen und der Reform des Islams glaubt, zeigt sich am Sponsor dieser Veranstaltung.
Die Heinrich-Böll-Stiftung erklärt den Zusammenhang von Geschlechtergerechtigkeit und Islam in dem Text: „Islamischer Feminismus – Leitbilder, Selbstverständnis und Akteure“ so: Zwar hat die Unterdrückung der Frau nichts mit dem Islam, sondern nur mit dem Patriarchat zu tun, andersrum gründet die Befreiung der Frau jedoch geradezu im Islam. Dem Koran fehlt lediglich der Vorbau: „Der Koran selbst steht außer Zweifel, die Koranexegese aus weiblicher Sicht muss ausgebaut werden.“ Dabei ist besonders wichtig: „Die Unterscheidung der Religion von patriarchalen Traditionen, welche Frauen oft an der vollen Ausübung ihrer in Koran und Sunna zugesicherten Rechte hindern (…)“. Das Ganze nennt sich dann „Gender Jihad“. Auch hier trägt die Digitalisierung ihre Früchte und Teilhabe wird selbst für Heimchen am Herd möglich: „Der Boom von Internetcafés in islamisch geprägten Ländern sowie die steigende Anzahl von Computern in Privathaushalten ermöglicht es mehr und mehr Frauen, sich zu artikulieren und zu vernetzen, ohne das Haus verlassen zu müssen.“ Und letztlich lässt sich zwar die Unterdrückung der Frauen nicht aus religiösen Inhalten ableiten, jedoch werden demnächst: „Patriarchale[n], religiös legitimierte[n] Denkstrukturen, Verhaltens- und Kontrollmechanismen mancher muslimischer Männer (…) mittels religiöser Argumentation die Grundlagen entzogen. (…) Dies geschieht auf der Argumentationsgrundlage, dass der Prophet Mohammad bei der Implementierung des Islam eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Gläubigen, insbesondere der Frauen, anstrebte.“ Das neuste emanzipatorische Potential für Geschlechtervielfalt im Namen des Islam lässt sich übrigens im offenen Brief der IS-Frauen finden, die das Recht einfordern ebenso wie ihre männlichen Genossen als Märtyrerinnen sterben zu dürfen.

Gesellschaftskritische Odysee (Geko) 03/2018
[http://geko.blogsport.de/]


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