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I am a Materialist Girl- Zur materialistischen Betrachtung des Geschlechterverhältnisses.

Podiumsdiskussion mit Ilse Bindseil und Koschka Linkerhand:

Wenn derzeit von „materialistischem Feminismus“ gesprochen wird, schlagen die Herzen höher, während der Kopf stehen bleibt. Kaum jemand weiß, was mit der Rede vom „Materialismus“ überhaupt gemeint ist. Weil man sich aber in der Gegnerschaft zu Patriarchat und Queerfeminismus einig ist, darf die Arbeit am Begriff ruhig liegen bleiben. So gelingt es, kaum vereinbare Positionen unter ein gemeinsames Banner zu zwingen und Streit zu vermeiden. Uns ist jedoch weniger am feministischen Frieden gelegen als daran, das Geschlechterverhältnis zu analysieren und treffend zu kritisieren.
Deshalb werden wir mit Ilse Bindseil und Koschka Linkerhand diskutieren, welche sich beide als materialistische Kritikerinnen des Geschlechterverhältnisses sehen. Gleichzeitig vertreten
sie bezüglich vieler Fragen unterschiedliche Positionen. Mit ihnen wollen wir klären, was es überhaupt bedeutet das Geschlechterverhältnis materialistisch zu betrachten, wie dies mit der Kritik der Gesellschaft zusammenhängt und welche feministische Praxis sich daraus eventuell ableiten lässt.

Ilse Bindseil veröffentlichte im ca ira-Verlag unter anderem Elend der Weiblichkeit, Zukunft der Frauen und Es denkt. Sie ist Redakteurin der Zeitschrift Ästhetik und Kommunikation.
Koschka Linkerhand ist Herausgeberin des Sammelbandes Feministisch Streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen und Autorin eines Beitrags in Beißreflexe.

Hier der Audiomitschnitt für die, die leider nicht da sein konnten. Vielen Dank an Radio Corax.
https://www.youtube.com/watch?v=A_gj7d9JoLE&t=754s“
www.freie-radios.net/91045

Kritik an der Veranstaltung „Religionsfreiheit & Gleichberechtigung im int. Menschenrecht“ der Heinrich-Böll-Stiftung

Nach allem was dem Ankündigungstext der Heinrich-Böll-Stiftung zu entnehmen ist, steht der heutige Vortrag von Prof. Dr. Ulrike Lembke stellvertretend für die Probleme linksliberaler Religionskritik. Man muss den Vortrag nicht gehört haben, um zu wissen, dass er eine routinierte Verteidigungsrede für den Islam sein wird, die stets dem gleichen Muster folgt — ein Blick in den Ankündigungstext genügt. Dort sind die beiden Lieblingsweisheiten der linksliberalen Islamdebatte formuliert:
1. Der Islam ist wie jede andere Religion
2. Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Perspektiven.

Weltmarkt und Emanzipation
Die Aufklärung hatte einmal den Anspruch einer universalistischen Vernunftmoral formuliert. Die Durchsetzung des freien Weltmarktes, auf dem sich rechtlich freie und gleiche Bürger gegenübertreten konnten, fußte auf diesem Anspruch. Gleichzeitig wurde mit dem Anspruch auf Fortschritt und Aufklärung auch ein utopischer Überschuss formuliert, der über die zeitgenössische Kritik an Kirche und Monarchie hinauswies, die den entstehenden Kapitalismus noch fesselten. Diesen Anspruch, dessen Verteidigung gegen die Veranstalter dieses Vortrages nach wie vor lohnt, hat Karl Marx zu einer berühmten Formulierung zugespitzt: “Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.”
Emanzipation und Marktdurchsetzung gingen eine Zeit lang Hand in Hand, da die bürgerliche Ideologie die Religion zur Privatsache machte. So kam dank des Weltmarktes die rechtliche Gleichheit auch in die rückständigeren Teile der Erde.
Mittlerweile ist dieses Band zwischen Marktdurchsetzung und Emanzipation allerdings gerissen. Längst hat die Geschichte gezeigt, dass eine Anbindung an den Weltmarkt und wirtschaftlicher Fortschritt auch ohne Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu haben sind. Wer deshalb bereit sein will, als Global Player zu agieren und mit Putin, Erdogan, den iranischen Mullahs oder Saudi-Arabien Geschäfte zu machen, kann sich kaum auf den Universalismus berufen, sondern muss die entsprechende Flexibilität an den Tag legen. Das ideologische Rüstzeug für diejenigen, die sich in den Parlamenten und Chefetagen von Morgen sehen, d.h. die Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler von Heute, stellen Veranstaltungen wie diese bereit. Hier werden Fragen der Menschen- und Frauenrechte zu Kulturunterschieden verklärt, die eben “immer konflikthaft” — naturgemäß also nicht lösbar — seien. Wenn in den Universitäten, wie im Ankündigungstext, entsprechend von “Spannungsfeldern” die Rede ist, verbirgt sich dahinter häufig die Aufforderung, sich über die eigenen moralischen Skrupel nicht allzu viele Gedanken zu machen und stattdessen “produktiv” mit ihnen umzugehen. Das bedeutet nichts Anderes als Konformismus. Schlagworte wie “interkulturelle Kompetenz”, “Toleranz” und “Weltoffenheit” geben der Entsorgung von Aufklärung und Vernunft zugunsten von Beliebigkeit und Prinzipienlosigkeit ihren notwendig positiven Beiklang.

Diskursanalyse statt Wissenschaft

Mit der Erosion des Aufklärungsanspruchs sowie der Kategorie der Vernunft, aus denen die moderne Wissenschaft einmal hervorging, hat sich auch die Art und Weise verändert, wie Wissenschaft betrieben wird. Eine mittlerweile gängige Methode ist es, ein Potpourri von Aussagen zu einem Thema zu sammeln, bis man alle denkbaren Positionen zusammen hat und sie anschließend in eigenen Worten wiederzugeben oder in Kategorien zusammenzufassen. Das nennt sich dann “Diskursanalyse” und ist bei studentischen Hausarbeiten besonders beliebt, weil es der Denkfaulheit der meisten Studierenden entgegenkommt und schnell viele Seiten füllt. Es ist aber auch im akademischen Mittel- und Überbau immer verbreiteter, weil es davon entbindet, eine Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Da, wo die reine Sprachanalyse die Durchdringung der Verhältnisse ersetzt, wird die Wissenschaft zum Raum für ein Selbstgespräch. Um dennoch in der Politikberatung mitspielen zu können, werden die gesammelten und gruppierten Aussagen gern nach eigenem Gusto mit Stigmata versehen und beispielsweise als islamophob bewertet. Wo sich früher selbst die vulgärmarxistischste Ideologiekritik die Mühe machte, den Wahrheitsgehalt einer Aussage zu widerlegen, um dann danach zu fragen, warum sie dennoch geglaubt wird, bleibt bei der Diskursanalyse nur die Beliebigkeit der Unterstellung von “Diskurseffekten” und damit, die Delegitimation bestimmter Aussagen durch den moralischen Zeigefinger übrig. Die Frage, ob der Islam der “Gleichberechtigung der Geschlechter entgegenwirkt” wird im Veranstaltungsflyer entsprechend nicht gestellt, sondern als reines Distinktionsmittel diskreditiert und so zur “Unterstellung”. Folgerichtig dient auch die “Rede von der Gleichberechtigung” nur dazu “die islamische Religion als rückständig und frauenfeindlich zu brandmarken und sich selbst als fortschrittlich und aufgeklärt darzustellen.” Mit dieser Vorgehensweise lässt sich, je nach politischem Kalkül, so ziemlich alles wahlweise verteidigen oder an den Pranger stellen.

Wünsch dir was statt Kritik der Religion
Mit der ‘Kritik der Religion’ war einmal mehr gemeint als im heutigen Ankündigungstext zu finden ist. Da weisen nämliche einfach „alle großen Religionen starre Geschlechterbilder und Rollenvorstellungen” auf. Dabei war es bereits Ziel der Aufklärung, eine bestimmte Ausprägung der Religion und ihre Verbindung mit staatlicher Herrschaft zu kritisieren. Das in jahrhundertelangen Auseinandersetzungen in den Raum des Privaten zurückgedrängte Christentum von Heute ist etwas kategorisch anderes als die europäische Herrschaft des Klerus im Mittelalter. So sehr der allgemeine Satz richtig ist, dass jede Religion prinzipiell in den Privatraum zurückgedrängt werden könnte, so falsch wird er, wenn er als Zustandsbeschreibung für die Gegenwart verwendet wird. Anders als der Veranstaltungsflyer suggeriert — auf dem Frauen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit mit Kopftuch zu sehen sind — gibt es im Unterschied zum Islam eben keine Ehrenmorde an Nonnen, wenn sie sich entschließen, das Klosterleben aufzugeben oder gegen dessen Moralkodex zu verstoßen.
Im weltpolitischen Maßstab ist der Islam derzeit das erfolgreichste totalitäre politische Angebot, das existiert. Der Versuch, diesen konkreten Zustand durch den Verweis darauf zu verwischen, dass auch andere Religionen dieses Potential haben könnten, dient letztlich nur der Selbstversicherung, dass auch ohne Kritik, Wirtschaftssanktionen und politische Auseinandersetzungen eine Reform des Islam vom Himmel fällt. Dabei sind diejenigen, die meinen, den Islam immer wieder verteidigen zu müssen, um den Muslimen einen Gefallen zu tun, in Wahrheit die, die sie am wenigsten ernst nehmen. Sie zeigen sich unfähig, die Religion vom Individuum zu trennen – zwischen Kritik und Rassismus zu unterscheiden. „Wer Islamfeindlichkeit mit Rassismus gleichsetzt, erklärt die Zugehörigkeit zum Islam zu einem unabänderlichen, ‚quasi-rassistischen‘ Merkmal.“ (Sama Maani). Oder aber sie haben, angesichts von Diffamierungen, die gegenüber anderen Gruppen ausgeteilt werden – siehe den Anti-Feministen-Pranger der Böll-Stiftung – mehr Angst vor den Konsequenzen einer möglichen Kritik als sie sich eingestehen möchten.

Nicht der Islam, sondern die Islam
Was passiert, wenn man sich die eigene Lüge von der Gleichheit aller Religionen und der Reform des Islams glaubt, zeigt sich am Sponsor dieser Veranstaltung.
Die Heinrich-Böll-Stiftung erklärt den Zusammenhang von Geschlechtergerechtigkeit und Islam in dem Text: „Islamischer Feminismus – Leitbilder, Selbstverständnis und Akteure“ so: Zwar hat die Unterdrückung der Frau nichts mit dem Islam, sondern nur mit dem Patriarchat zu tun, andersrum gründet die Befreiung der Frau jedoch geradezu im Islam. Dem Koran fehlt lediglich der Vorbau: „Der Koran selbst steht außer Zweifel, die Koranexegese aus weiblicher Sicht muss ausgebaut werden.“ Dabei ist besonders wichtig: „Die Unterscheidung der Religion von patriarchalen Traditionen, welche Frauen oft an der vollen Ausübung ihrer in Koran und Sunna zugesicherten Rechte hindern (…)“. Das Ganze nennt sich dann „Gender Jihad“. Auch hier trägt die Digitalisierung ihre Früchte und Teilhabe wird selbst für Heimchen am Herd möglich: „Der Boom von Internetcafés in islamisch geprägten Ländern sowie die steigende Anzahl von Computern in Privathaushalten ermöglicht es mehr und mehr Frauen, sich zu artikulieren und zu vernetzen, ohne das Haus verlassen zu müssen.“ Und letztlich lässt sich zwar die Unterdrückung der Frauen nicht aus religiösen Inhalten ableiten, jedoch werden demnächst: „Patriarchale[n], religiös legitimierte[n] Denkstrukturen, Verhaltens- und Kontrollmechanismen mancher muslimischer Männer (…) mittels religiöser Argumentation die Grundlagen entzogen. (…) Dies geschieht auf der Argumentationsgrundlage, dass der Prophet Mohammad bei der Implementierung des Islam eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Gläubigen, insbesondere der Frauen, anstrebte.“ Das neuste emanzipatorische Potential für Geschlechtervielfalt im Namen des Islam lässt sich übrigens im offenen Brief der IS-Frauen finden, die das Recht einfordern ebenso wie ihre männlichen Genossen als Märtyrerinnen sterben zu dürfen.

Gesellschaftskritische Odysee (Geko) 03/2018
[http://geko.blogsport.de/]

Aber doof geworden sind alle

[Zur Diskussion über den Magnus Klaue Vortrag am 15.11 in Leipzig – https://www.facebook.com/events/483399548707463/]

Wer sich heutzutage fragt, wo sich die Enkel und Urenkel berühmter Intellektueller aufhalten, der muss nicht lange suchen. Auch wenn ihre Großväter und Großmütter vermeintlich noch nichts von den neuen Möglichkeiten politischer Partizipation geahnt haben und noch versuchen mussten unbequeme Inhalte in Zeitschriften, bei Verlagen oder in Form von Flugblättern an die Öffentlichkeit zu bringen, haben ihre Nachfahren einfachere Wege gefunden. Bücher mit lediglich 120 Zeichen, seit neuestem sogar 280 1, und Postings über Facebook machen jede Anstrengung unnötig – nicht einmal der Briefkasten liegt auf dem Weg zur digitalen Revolution. Theodor W. Adorno zählt laut Facebook ungefähr 30 Verwandte und er selbst scheint sich kurz vor seinem Ableben auch noch 15 Profile zugelegt zu haben, die er mal mit Realname Theordor W. Adorno, mal mit seinem Nickname Teddy versah2. Selbst seine beiden Töchter Theodora und Sabine treiben sich auf Facebook umher. Und ein Hybrid namens Adorno Horkheimer3 ist ebenfalls dort vertreten. Auch Jean Améry hat es irgendwie noch vor seinem Ableben im Jahre 1978 auf die Plattform geschafft4. Karl Marx gefällt das.
Wer sich nicht in eine Linie prominenter Abstammung stellen kann, dem bleiben andere Möglichkeiten, um seine Zugehörigkeit zum Politeriat innerhalb der selbstreferentiellen Community zu kennzeichnen. Da war man auf der Frankfurter Schule5 oder arbeitet beim Verfassungsschutz. Auch Hintergrundbilder wie: „Her mit dem schönen Leben“ oder „Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…“ Adorno: „Mir nicht!“ ermöglichen eine schnelle politische Einordnung. Ein Profilbild von einer politischen Aktion: Free [hier bitte beliebigen Namen einsetzen] oder ganz klassisch einfach das Emblem Communism irgendwo hinklatschen. Subtiler ist das unauffällige Teilen von Veranstaltungen politischer Art sowie das zufällige Auftauchen der Dialektik der Aufklärung im Hintergrund von einem Bild der eigenen Katze. Ansonsten ist weiterhin beliebt das Fotografieren neu erworbener Bücher mit Herzchen und dem Ausruf: „Endlich, die Adorno Gesamtausgabe!“ oder Aufrufe, die ungefähr so klingen: „Ich suche den Aufsatz, den Walter Benjamin über das dialektische Verhältnis von Kunst und Kopie geschrieben hat, kann jemand helfen?“ Nein, wahrscheinlich nicht und bestimmt gibt es ihn auch in der Bibliothek, aber so bemerkt ja niemand, dass man diesen Aufsatz liest.

Der Papst im Conne Island

Gerüchten zufolge soll das Conne Island schon eine Wand eingerissen haben um Platz für die 144 Teilnehmer und 1209 Interessierten zu schaffen (Zahlen steigend). Die Vorbereitungen laufen seit mehreren Tagen. Ponys werden nachgeschnitten, New Balance Schuhe sind in Leipzig ausverkauft und Lonsdale plant einen Merchandise Stand am Eingang. Menschen wollen aus Bangladesh einreisen und die hoffnungsvolle Marina will extra aus München kommen. Die Bahn rechnet mit überfüllten Zügen aus dem Umland ab 17 Uhr. Eine Gruppe aus Halle hat den Mannschaftsbus des HFC gemietet, um in Bezugsgruppen die Überreise anzutreten (Restkarten gibt es hier: https://eventimsports.de/ols/hfc/de/ek/channel/shop/index). Alle wollen dabei sein, zumindest tun sie so [wird es 1 Audiomitschnitt geben? Ich brauch den auch wohn zu weit weg. Würde ich auch sehr schätzen]. Einige Personen fassen ihre Einladung zur Veranstaltung sogar als direkte Provokation auf [Der Ankündigungstext, schön und gut… aber mich einzuladen spätestens das war doch ein Trollversuch, oder?] und verweisen noch einmal auf alte Postings von sich, die doch ganz genau sagen, dass man so etwas nicht mag. Komisch warum die noch niemand gelesen hat? Es verspricht eine hitzige Diskussion zu werden. Oder warum wird nach genügend Popcorn gefragt?
Doch gemeinhin hört man nach dem Vortrag nur das Ploppen einer Bierflasche und betrunkenes Schweigen. Logisch, die Diskussion ist ja auch schon gelaufen: über Facebook. Dort wird sich bereits vorab Phrase um Phrase ums Ohr gehauen [taktisches Verhältnis zum Gegenstand, Diskursanalyse, reaktionäre Geschlechternormen als Kohärenzmittel, kognitive Dissonanz, autoritärer Duktus im Diskurs, Hegemonie, Jargon, postkonstuktivistisch/postmodern/intersektional, Versprachlichung gesellschaftlichen Bewusstseinswandels] und all das sogar bevor der Vortrag stattfindet!!1! Während die einen dabei meinen einem Ankündigungstext die Stirn bieten zu müssen, stellen sich die anderen vor ihn und seinen Propheten [Was hast du gegen Klaue? Würden mehr Menschen auf ihn hören, wäre die Welt ein besserer Ort.]. Das ist nicht ideologiekritisch, das ist idiotisch. Dabei geht es schon lange nicht mehr darum miteinander zu diskutieren, sondern möglichst schnell die eigene Position klar zu machen, um zu zeigen auf welcher Seite man steht. In erster Linie aber, dass man überhaupt noch irgendwo steht. Stets in der Hoffnung sich damit ein Like zu fangen und am besten noch den Anderen vorzuführen #superior. Statt miteinander zu reden oder zu streiten, so wie das eigentlich mal gedacht war – Angesicht zu Angesicht – fetzt man sich jetzt – Face to Face – und zwar nicht um den Konflikt zu suchen, sondern um ihn zu vermeiden. Beim Kommentieren und Posten kann man schnell noch einmal Argumente googlen, unbekannte Worte nachschlagen und Sätze formulieren, die man so nie aussprechen, geschweige denn verstehen würde. Dieses Vorgehen dient der Rückversicherung, dass das, was man schreibt, auch mit der gewünschten Zugehörigkeit d‘accord geht – Copy Paste als oberstes Denkprinzip. Im Zweifelsfall besteht sogar die Möglichkeit, den Kommentar wieder zu löschen und somit etwas zurückzunehmen, was folglich nicht länger im Forum steht. Hierbei findet eine Zurschaustellung wieder gekauter Positionen statt, die nicht der Verteidigung der Inhalte dienen soll, sie zielt auf die Anerkennung der eigenen Crowd. Damit werden Diskussionen nicht gefördert, sondern abgebaut. Indem einerseits alles Spontane und Nonverbale (Mimik, Gestik, Tonfall, Sarkasmus, Ironie) substrahiert wird und andererseits der Konflikt im Real Life nicht mehr gefochten werden muss. Wohl wissend, dass man selbst aufflöge, würde man sich real und ohne Laptop auf die Diskussion einlassen – denn die Halbwertszeit googleten Wissens gleicht eher der von Jod als von Plutonium6 – schweigt jeder aus Angst vorm Dominoeffekt in sich rein und hofft, dass bloß niemand nachfragt. Wenigstens darin sind sich alle einig.

Die digitale Regression

Spätestens das Gelaber über Digitalisierung bei der Bundestagswahl hätte misstrauisch machen müssen. Wenn sich alle Parteien in einem Punkt einig sind, dann ist dies, das beste Zeichen dafür, dass etwas nichts, aber auch gar nichts ändert. Oder will die FDP etwa die Digitalisierung für mehr Umverteilung vorantreiben? Aber genau diese Nichtigkeit scheint der springende Punkt zu sein. Die Aneignung politischer Inhalte geht nirgendwo so leicht von der Hand wie Online. Das Wort digital stammt aus dem Lateinischen vom Wort Digtus. Was so viel heißt wie „den Finger betreffend, mit dem Finger“. Statt also die Faust zu ballen, hebt und senkt man jetzt den Daumen. Was den einen Tag gefällt, kann den anderen Tag schon wieder out sein. Nichts ist verbindlich, alles kann modifiziert werden. Aktivitätenprotokoll gelöscht, # entfernt, Like zum Dislike, Kommentar bearbeitet – Kontingenz statt Kontinuität. Man kann sich eine politische Identität schaffen, ohne je eine Diskussion gehabt zu haben – seine Meinung mitteilen, ohne je gehört zu werden – einen Freundeskreis haben, ohne irgendwen zu kennen. Das Zentrale dabei ist nicht der Glaube an die reale Kraft des eigenen Aktivitätenprotokolls, sondern die Illusion von Wirksamkeit, die es dem User beschert und die damit einhergehende Konsequenzlosigkeit. Oder wer musste sich schon einmal dafür verantworten, dass er sich bei Facebook im Angesicht seiner faschistischen Freunde von rechten Positionen distanziert hat?
Das Social Media, insbesondere Facebook, ist ein Spielplatz für Kinder, die sich nicht trauen auf Bäume zu klettern. Ein Medium für Menschen, die real nicht die Mühe aufbringen wollen sich eines zu schaffen. Die Verlagerung politischer Inhalte in die digitale Welt, lässt die Verhältnisse doch zumeist unbehelligt. Jeder dumme Post findet hier seinen Deckel, das Internet ist unendlich groß. Wenn einer Scheiße schreibt, schreibt ein anderer einfach mehr davon.
Der Kampf gegen Sexismus erfordert mehr als ein #metoo, Kritische Theorie ist kein Meme und eine Distanzierung von den Positionen der AFD im eigenen Facebook-Freundeskreis spricht entweder gegen diesen oder ist bloße Selbstdarstellung.
Und so wie nicht 1353 Menschen wirklich zu diesem Vortrag erscheinen werden…
So gibt es auch kein digitales Leben im Richtigen.

  1. Laut Deutschlandfunk hat der Nachrichtendienst Twitter festgestellt, dass sich Menschen mit 280 Zeichen besser ausdrücken können und zugleich weniger Probleme beim Formulieren haben, weil die Wortwahl nicht mehr so stark überdacht werden muss. [zurück]
  2. https://www.facebook.com/search/str/wiesengrund/keywords_users [zurück]
  3. https://www.facebook.com/search/str/horkheimer/keywords_users [zurück]
  4. https://www.facebook.com/search/str/jean+amery/keywords_users [zurück]
  5. https://www.facebook.com/Frankfurter-Schule-gang-doing-things-1717951901829894/?ref=br_rs [zurück]
  6. Hier der Beweis: Informationen über Halbwertszeit gegoogelt und direkt wieder vergessen. [zurück]

Make Identity great again- Über das Verhältnis von Gesellschaftskritik und Betroffenheitskitsch

In den letzten Jahren sind Konzepte wie „Critical Whiteness“, „Cultural Appropriation“ und andere Ansätze der queeren Theorie, wie Homonormativität, unter einem emanzipatorischen Label gerade in linken und popkulturellen Medien en vogue geworden. Sie versprechen einen aufgeklärteren, kritischeren Umgang mit Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit sowie Fragen von Gender und einer gerechteren Gesellschaft. Man gewinnt den Eindruck, dass eine Auseinandersetzung mit den Konzepten und die Infragestellung des tatsächlichen emanzipatorischen Gehalts durch einen absoluten Wahrheitsanspruch des Konzeptes der „Betroffenheitsposition“ verhindert wird. Es entsteht das Problem, dass Erfahrungswissen und analytische Abstraktion, die für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung notwendig sind, nicht mehr vermittelt gedacht werden: so können dann auch nur noch „betroffene“ Individuen oder Gruppen über einen gesellschaftlich relevanten Gegenstand reden oder darin zumindest das letzte Wort haben.

Im Februar 2017 erschien in diesem Kontext der Sammelband „Beißreflexe“ von Patsy l’Armour LaLove, der mit einem positiven Bezug auf die Entstehung der queeren Bewegung in den USA aktuelle Entwicklungen innerhalb von Theorie und queerer Szene kritisch in den Blick nimmt.
Die Veröffentlichung stieß prompt auf heftige Reaktionen, welche die Relevanz der Auseinandersetzung verdeutlichen: während KritikerInnen das Buch wegen seiner etwaigen *feindlichen Momente ablehnen, sehen andere Rezensionen das Potenzial in einer innerlinken und gesellschaftlichen Auseinandersetzung.
Ähnlich heftige Reaktionen riefen auch Vorträge der Gruppe „Aktion 3. Welt Saar“ zum Thema Kritik am Critical Whiteness-Konzept hervor, die mit massiver Vehemenz zu verhindern versucht wurden.

Mit den beiden Vorträgen wollen wir die Möglichkeit bieten sich kritisch mit den Konzepten auseinanderzusetzen: was sind die autoritären Sehnsüchte und Sprechverbote? Welche Funktion erfüllen sie und wie stehen sie im Verhältnis zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, in denen sich aus dem rechten Spektrum rassistische und antifeministische Positionen ausbreiten?

12.06.17 // 18 Uhr// Franckeschen Stiftungen, Haus 31, Hörsaal 1. OG
Beissreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. [http://bit.ly/2sJmND2]

29.06.17 // 18 Uhr// Seminar für Ethnologie in der Reichhardtstraße 11
Wie kritisch ist Critical Whiteness? Zur Kritik des neueren Antirassismus. [http://bit.ly/2swnLn0]

Berühmt und berüchtigt – Nicht trotz, sondern wegen seiner Schweinereien

In Deutschland setzt mal wieder die Zeitrechnung aus. Anstelle von 2017 befinden wir uns plötzlich im Jahre 471 n.L.. Wer es noch nicht gewusst hat, weiß es spätestens jetzt. Jedoch haben nicht nur die Geschenkartikelbranche, Souvenirhersteller, Playmobil und Backwarenproduzenten Lunte gerochen, auch Wissenschaft, Politik und Kultur wollen ihren Krümel vom Lutherkeks haben. Deshalb tönt es gerade wieder aus allen Ecken: Deine Lutter!

Wer ist Luther und wenn ja, wie viele?
Mittlerweile ist bekannt: Luther war nicht nur gut. So schreibt Deutschland Radio Kultur einen Artikel über „Den hässlichen Luther“ und der evangelische Kirchenkreis Neukölln redet vom „hellen und vom dunklen Luther“ 1. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland spricht sich für einen offenen Umgang mit den „dunklen Seiten“ des Reformators aus. Margot Käßmann – die Lutterbotschafterin im Mutherjahr – sagt in einem Interview mit der Emma: „Na klar, ich weiß: Die Kirchen und die Frauen, das ist ein ganz eigenes Thema. In den Religionen herrschen oft patriarchale Zustände. Und auch Martin Luther kann kritisch angefragt werden.“ Schließlich neigen selbst Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben ihn zu kritisieren dazu, auf den scheinbaren Widerspruch seiner Person zu verweisen: „Martin Luther (…) war sicherlich ein großer Intellektueller, doch letztendlich auch ein schwacher, von teils undefinierbarer Angst erfüllter, umtriebig destruktiver Charakter. (…) Außerdem galt er als zutiefst abergläubischer Mensch, der sich vor Hexen fürchtete und nicht müde wurde, deren Tod einzufordern.“ 2 Last but not least – will die Oper Halle sich am Spektakel mit einer Charakterstudie zu Luther und seinen Verehrern bereichern. Diese schreibt im Teaser ihres Kanwaten Projektes von Luthers sprachschöpferischem Genie, seiner gottgegebenen Liebe zur Obrigkeit und aber auch seinen dunklen Seiten, um in der näheren Beschreibung zu sagen: „Es geht um die Wirkkraft von Martin Luthers Gedankenwelt bei der Bildung der deutschen Sprache, des deutschen Volkes und dessen demokratisch legitimierter Herrschaft. Die Ambivalenz gerade des politischen und von der Politik vereinnahmten Luthers steht hierbei im Fokus.“ 3 Die Ambivalenz des Martin Luther. Die Vermutung liegt nahe, man habe es hier mit einer multiplen Persönlichkeit zu tun: Hässlich und schön, intellektuell und abergläubisch, demokratisch und obrigkeitsliebend, hell und dunkel. What a man oder vielleicht doch a woman? Eigentlich ist anzunehmen, dass eine hässliche Seite nicht unbedingt mit einer schönen einhergeht sowie Intellekt nicht das Resultat von Aberglaube ist. Obrigkeitsliebe und demokratisches Grundverständnis scheinen nicht einmal in der Türkei vereinbar und überhaupt ist meistens das Licht an oder aus.

Das Oxymoron Martin Luther (mehr…)