Gesellschaftskritische Odyssee http://geko.blogsport.de "Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es »so weiter« geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene. Strindbergs Gedanke: die Hölle ist nichts, was uns bevorstünde – sondern dieses Leben hier." - Walter Benjamin Sat, 22 Sep 2018 08:42:27 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en I am a Materialist Girl- Zur materialistischen Betrachtung des Geschlechterverhältnisses. http://geko.blogsport.de/2018/09/22/i-am-a-materialist-girl-zur-materialistischen-betrachtung-des-geschlechterverhaeltnisses/ http://geko.blogsport.de/2018/09/22/i-am-a-materialist-girl-zur-materialistischen-betrachtung-des-geschlechterverhaeltnisses/#comments Sat, 22 Sep 2018 08:41:02 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2018/09/22/i-am-a-materialist-girl-zur-materialistischen-betrachtung-des-geschlechterverhaeltnisses/ Podiumsdiskussion mit Ilse Bindseil und Koschka Linkerhand:

Wenn derzeit von „materialistischem Feminismus“ gesprochen wird, schlagen die Herzen höher, während der Kopf stehen bleibt. Kaum jemand weiß, was mit der Rede vom „Materialismus“ überhaupt gemeint ist. Weil man sich aber in der Gegnerschaft zu Patriarchat und Queerfeminismus einig ist, darf die Arbeit am Begriff ruhig liegen bleiben. So gelingt es, kaum vereinbare Positionen unter ein gemeinsames Banner zu zwingen und Streit zu vermeiden. Uns ist jedoch weniger am feministischen Frieden gelegen als daran, das Geschlechterverhältnis zu analysieren und treffend zu kritisieren.
Deshalb werden wir mit Ilse Bindseil und Koschka Linkerhand diskutieren, welche sich beide als materialistische Kritikerinnen des Geschlechterverhältnisses sehen. Gleichzeitig vertreten
sie bezüglich vieler Fragen unterschiedliche Positionen. Mit ihnen wollen wir klären, was es überhaupt bedeutet das Geschlechterverhältnis materialistisch zu betrachten, wie dies mit der Kritik der Gesellschaft zusammenhängt und welche feministische Praxis sich daraus eventuell ableiten lässt.

Ilse Bindseil veröffentlichte im ca ira-Verlag unter anderem Elend der Weiblichkeit, Zukunft der Frauen und Es denkt. Sie ist Redakteurin der Zeitschrift Ästhetik und Kommunikation.
Koschka Linkerhand ist Herausgeberin des Sammelbandes Feministisch Streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen und Autorin eines Beitrags in Beißreflexe.

Hier der Audiomitschnitt für die, die leider nicht da sein konnten. Vielen Dank an Radio Corax.
https://www.youtube.com/watch?v=A_gj7d9JoLE&t=754s“
www.freie-radios.net/91045

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Kritik an der Veranstaltung „Religionsfreiheit & Gleichberechtigung im int. Menschenrecht“ der Heinrich-Böll-Stiftung http://geko.blogsport.de/2018/03/15/intervention-zur-veranstaltung-der-heinrich-boell-stiftung-am-14-03/ http://geko.blogsport.de/2018/03/15/intervention-zur-veranstaltung-der-heinrich-boell-stiftung-am-14-03/#comments Thu, 15 Mar 2018 10:10:01 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2018/03/15/intervention-zur-veranstaltung-der-heinrich-boell-stiftung-am-14-03/ Nach allem was dem Ankündigungstext der Heinrich-Böll-Stiftung zu entnehmen ist, steht der heutige Vortrag von Prof. Dr. Ulrike Lembke stellvertretend für die Probleme linksliberaler Religionskritik. Man muss den Vortrag nicht gehört haben, um zu wissen, dass er eine routinierte Verteidigungsrede für den Islam sein wird, die stets dem gleichen Muster folgt — ein Blick in den Ankündigungstext genügt. Dort sind die beiden Lieblingsweisheiten der linksliberalen Islamdebatte formuliert:
1. Der Islam ist wie jede andere Religion
2. Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Perspektiven.

Weltmarkt und Emanzipation
Die Aufklärung hatte einmal den Anspruch einer universalistischen Vernunftmoral formuliert. Die Durchsetzung des freien Weltmarktes, auf dem sich rechtlich freie und gleiche Bürger gegenübertreten konnten, fußte auf diesem Anspruch. Gleichzeitig wurde mit dem Anspruch auf Fortschritt und Aufklärung auch ein utopischer Überschuss formuliert, der über die zeitgenössische Kritik an Kirche und Monarchie hinauswies, die den entstehenden Kapitalismus noch fesselten. Diesen Anspruch, dessen Verteidigung gegen die Veranstalter dieses Vortrages nach wie vor lohnt, hat Karl Marx zu einer berühmten Formulierung zugespitzt: “Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.”
Emanzipation und Marktdurchsetzung gingen eine Zeit lang Hand in Hand, da die bürgerliche Ideologie die Religion zur Privatsache machte. So kam dank des Weltmarktes die rechtliche Gleichheit auch in die rückständigeren Teile der Erde.
Mittlerweile ist dieses Band zwischen Marktdurchsetzung und Emanzipation allerdings gerissen. Längst hat die Geschichte gezeigt, dass eine Anbindung an den Weltmarkt und wirtschaftlicher Fortschritt auch ohne Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu haben sind. Wer deshalb bereit sein will, als Global Player zu agieren und mit Putin, Erdogan, den iranischen Mullahs oder Saudi-Arabien Geschäfte zu machen, kann sich kaum auf den Universalismus berufen, sondern muss die entsprechende Flexibilität an den Tag legen. Das ideologische Rüstzeug für diejenigen, die sich in den Parlamenten und Chefetagen von Morgen sehen, d.h. die Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler von Heute, stellen Veranstaltungen wie diese bereit. Hier werden Fragen der Menschen- und Frauenrechte zu Kulturunterschieden verklärt, die eben “immer konflikthaft” — naturgemäß also nicht lösbar — seien. Wenn in den Universitäten, wie im Ankündigungstext, entsprechend von “Spannungsfeldern” die Rede ist, verbirgt sich dahinter häufig die Aufforderung, sich über die eigenen moralischen Skrupel nicht allzu viele Gedanken zu machen und stattdessen “produktiv” mit ihnen umzugehen. Das bedeutet nichts Anderes als Konformismus. Schlagworte wie “interkulturelle Kompetenz”, “Toleranz” und “Weltoffenheit” geben der Entsorgung von Aufklärung und Vernunft zugunsten von Beliebigkeit und Prinzipienlosigkeit ihren notwendig positiven Beiklang.

Diskursanalyse statt Wissenschaft

Mit der Erosion des Aufklärungsanspruchs sowie der Kategorie der Vernunft, aus denen die moderne Wissenschaft einmal hervorging, hat sich auch die Art und Weise verändert, wie Wissenschaft betrieben wird. Eine mittlerweile gängige Methode ist es, ein Potpourri von Aussagen zu einem Thema zu sammeln, bis man alle denkbaren Positionen zusammen hat und sie anschließend in eigenen Worten wiederzugeben oder in Kategorien zusammenzufassen. Das nennt sich dann “Diskursanalyse” und ist bei studentischen Hausarbeiten besonders beliebt, weil es der Denkfaulheit der meisten Studierenden entgegenkommt und schnell viele Seiten füllt. Es ist aber auch im akademischen Mittel- und Überbau immer verbreiteter, weil es davon entbindet, eine Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Da, wo die reine Sprachanalyse die Durchdringung der Verhältnisse ersetzt, wird die Wissenschaft zum Raum für ein Selbstgespräch. Um dennoch in der Politikberatung mitspielen zu können, werden die gesammelten und gruppierten Aussagen gern nach eigenem Gusto mit Stigmata versehen und beispielsweise als islamophob bewertet. Wo sich früher selbst die vulgärmarxistischste Ideologiekritik die Mühe machte, den Wahrheitsgehalt einer Aussage zu widerlegen, um dann danach zu fragen, warum sie dennoch geglaubt wird, bleibt bei der Diskursanalyse nur die Beliebigkeit der Unterstellung von “Diskurseffekten” und damit, die Delegitimation bestimmter Aussagen durch den moralischen Zeigefinger übrig. Die Frage, ob der Islam der “Gleichberechtigung der Geschlechter entgegenwirkt” wird im Veranstaltungsflyer entsprechend nicht gestellt, sondern als reines Distinktionsmittel diskreditiert und so zur “Unterstellung”. Folgerichtig dient auch die “Rede von der Gleichberechtigung” nur dazu “die islamische Religion als rückständig und frauenfeindlich zu brandmarken und sich selbst als fortschrittlich und aufgeklärt darzustellen.” Mit dieser Vorgehensweise lässt sich, je nach politischem Kalkül, so ziemlich alles wahlweise verteidigen oder an den Pranger stellen.

Wünsch dir was statt Kritik der Religion
Mit der ‘Kritik der Religion’ war einmal mehr gemeint als im heutigen Ankündigungstext zu finden ist. Da weisen nämliche einfach „alle großen Religionen starre Geschlechterbilder und Rollenvorstellungen” auf. Dabei war es bereits Ziel der Aufklärung, eine bestimmte Ausprägung der Religion und ihre Verbindung mit staatlicher Herrschaft zu kritisieren. Das in jahrhundertelangen Auseinandersetzungen in den Raum des Privaten zurückgedrängte Christentum von Heute ist etwas kategorisch anderes als die europäische Herrschaft des Klerus im Mittelalter. So sehr der allgemeine Satz richtig ist, dass jede Religion prinzipiell in den Privatraum zurückgedrängt werden könnte, so falsch wird er, wenn er als Zustandsbeschreibung für die Gegenwart verwendet wird. Anders als der Veranstaltungsflyer suggeriert — auf dem Frauen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit mit Kopftuch zu sehen sind — gibt es im Unterschied zum Islam eben keine Ehrenmorde an Nonnen, wenn sie sich entschließen, das Klosterleben aufzugeben oder gegen dessen Moralkodex zu verstoßen.
Im weltpolitischen Maßstab ist der Islam derzeit das erfolgreichste totalitäre politische Angebot, das existiert. Der Versuch, diesen konkreten Zustand durch den Verweis darauf zu verwischen, dass auch andere Religionen dieses Potential haben könnten, dient letztlich nur der Selbstversicherung, dass auch ohne Kritik, Wirtschaftssanktionen und politische Auseinandersetzungen eine Reform des Islam vom Himmel fällt. Dabei sind diejenigen, die meinen, den Islam immer wieder verteidigen zu müssen, um den Muslimen einen Gefallen zu tun, in Wahrheit die, die sie am wenigsten ernst nehmen. Sie zeigen sich unfähig, die Religion vom Individuum zu trennen – zwischen Kritik und Rassismus zu unterscheiden. „Wer Islamfeindlichkeit mit Rassismus gleichsetzt, erklärt die Zugehörigkeit zum Islam zu einem unabänderlichen, ‚quasi-rassistischen‘ Merkmal.“ (Sama Maani). Oder aber sie haben, angesichts von Diffamierungen, die gegenüber anderen Gruppen ausgeteilt werden – siehe den Anti-Feministen-Pranger der Böll-Stiftung – mehr Angst vor den Konsequenzen einer möglichen Kritik als sie sich eingestehen möchten.

Nicht der Islam, sondern die Islam
Was passiert, wenn man sich die eigene Lüge von der Gleichheit aller Religionen und der Reform des Islams glaubt, zeigt sich am Sponsor dieser Veranstaltung.
Die Heinrich-Böll-Stiftung erklärt den Zusammenhang von Geschlechtergerechtigkeit und Islam in dem Text: „Islamischer Feminismus – Leitbilder, Selbstverständnis und Akteure“ so: Zwar hat die Unterdrückung der Frau nichts mit dem Islam, sondern nur mit dem Patriarchat zu tun, andersrum gründet die Befreiung der Frau jedoch geradezu im Islam. Dem Koran fehlt lediglich der Vorbau: „Der Koran selbst steht außer Zweifel, die Koranexegese aus weiblicher Sicht muss ausgebaut werden.“ Dabei ist besonders wichtig: „Die Unterscheidung der Religion von patriarchalen Traditionen, welche Frauen oft an der vollen Ausübung ihrer in Koran und Sunna zugesicherten Rechte hindern (…)“. Das Ganze nennt sich dann „Gender Jihad“. Auch hier trägt die Digitalisierung ihre Früchte und Teilhabe wird selbst für Heimchen am Herd möglich: „Der Boom von Internetcafés in islamisch geprägten Ländern sowie die steigende Anzahl von Computern in Privathaushalten ermöglicht es mehr und mehr Frauen, sich zu artikulieren und zu vernetzen, ohne das Haus verlassen zu müssen.“ Und letztlich lässt sich zwar die Unterdrückung der Frauen nicht aus religiösen Inhalten ableiten, jedoch werden demnächst: „Patriarchale[n], religiös legitimierte[n] Denkstrukturen, Verhaltens- und Kontrollmechanismen mancher muslimischer Männer (…) mittels religiöser Argumentation die Grundlagen entzogen. (…) Dies geschieht auf der Argumentationsgrundlage, dass der Prophet Mohammad bei der Implementierung des Islam eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Gläubigen, insbesondere der Frauen, anstrebte.“ Das neuste emanzipatorische Potential für Geschlechtervielfalt im Namen des Islam lässt sich übrigens im offenen Brief der IS-Frauen finden, die das Recht einfordern ebenso wie ihre männlichen Genossen als Märtyrerinnen sterben zu dürfen.

Gesellschaftskritische Odysee (Geko) 03/2018
[http://geko.blogsport.de/]

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http://geko.blogsport.de/2018/03/15/intervention-zur-veranstaltung-der-heinrich-boell-stiftung-am-14-03/feed/
Aber doof geworden sind alle http://geko.blogsport.de/2017/11/12/aber-doof-geworden-sind-alle/ http://geko.blogsport.de/2017/11/12/aber-doof-geworden-sind-alle/#comments Sun, 12 Nov 2017 08:13:11 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2017/11/12/aber-doof-geworden-sind-alle/ [Zur Diskussion über den Magnus Klaue Vortrag am 15.11 in Leipzig – https://www.facebook.com/events/483399548707463/]

Wer sich heutzutage fragt, wo sich die Enkel und Urenkel berühmter Intellektueller aufhalten, der muss nicht lange suchen. Auch wenn ihre Großväter und Großmütter vermeintlich noch nichts von den neuen Möglichkeiten politischer Partizipation geahnt haben und noch versuchen mussten unbequeme Inhalte in Zeitschriften, bei Verlagen oder in Form von Flugblättern an die Öffentlichkeit zu bringen, haben ihre Nachfahren einfachere Wege gefunden. Bücher mit lediglich 120 Zeichen, seit neuestem sogar 280 1, und Postings über Facebook machen jede Anstrengung unnötig – nicht einmal der Briefkasten liegt auf dem Weg zur digitalen Revolution. Theodor W. Adorno zählt laut Facebook ungefähr 30 Verwandte und er selbst scheint sich kurz vor seinem Ableben auch noch 15 Profile zugelegt zu haben, die er mal mit Realname Theordor W. Adorno, mal mit seinem Nickname Teddy versah2. Selbst seine beiden Töchter Theodora und Sabine treiben sich auf Facebook umher. Und ein Hybrid namens Adorno Horkheimer3 ist ebenfalls dort vertreten. Auch Jean Améry hat es irgendwie noch vor seinem Ableben im Jahre 1978 auf die Plattform geschafft4. Karl Marx gefällt das.
Wer sich nicht in eine Linie prominenter Abstammung stellen kann, dem bleiben andere Möglichkeiten, um seine Zugehörigkeit zum Politeriat innerhalb der selbstreferentiellen Community zu kennzeichnen. Da war man auf der Frankfurter Schule5 oder arbeitet beim Verfassungsschutz. Auch Hintergrundbilder wie: „Her mit dem schönen Leben“ oder „Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…“ Adorno: „Mir nicht!“ ermöglichen eine schnelle politische Einordnung. Ein Profilbild von einer politischen Aktion: Free [hier bitte beliebigen Namen einsetzen] oder ganz klassisch einfach das Emblem Communism irgendwo hinklatschen. Subtiler ist das unauffällige Teilen von Veranstaltungen politischer Art sowie das zufällige Auftauchen der Dialektik der Aufklärung im Hintergrund von einem Bild der eigenen Katze. Ansonsten ist weiterhin beliebt das Fotografieren neu erworbener Bücher mit Herzchen und dem Ausruf: „Endlich, die Adorno Gesamtausgabe!“ oder Aufrufe, die ungefähr so klingen: „Ich suche den Aufsatz, den Walter Benjamin über das dialektische Verhältnis von Kunst und Kopie geschrieben hat, kann jemand helfen?“ Nein, wahrscheinlich nicht und bestimmt gibt es ihn auch in der Bibliothek, aber so bemerkt ja niemand, dass man diesen Aufsatz liest.

Der Papst im Conne Island

Gerüchten zufolge soll das Conne Island schon eine Wand eingerissen haben um Platz für die 144 Teilnehmer und 1209 Interessierten zu schaffen (Zahlen steigend). Die Vorbereitungen laufen seit mehreren Tagen. Ponys werden nachgeschnitten, New Balance Schuhe sind in Leipzig ausverkauft und Lonsdale plant einen Merchandise Stand am Eingang. Menschen wollen aus Bangladesh einreisen und die hoffnungsvolle Marina will extra aus München kommen. Die Bahn rechnet mit überfüllten Zügen aus dem Umland ab 17 Uhr. Eine Gruppe aus Halle hat den Mannschaftsbus des HFC gemietet, um in Bezugsgruppen die Überreise anzutreten (Restkarten gibt es hier: https://eventimsports.de/ols/hfc/de/ek/channel/shop/index). Alle wollen dabei sein, zumindest tun sie so [wird es 1 Audiomitschnitt geben? Ich brauch den auch wohn zu weit weg. Würde ich auch sehr schätzen]. Einige Personen fassen ihre Einladung zur Veranstaltung sogar als direkte Provokation auf [Der Ankündigungstext, schön und gut… aber mich einzuladen spätestens das war doch ein Trollversuch, oder?] und verweisen noch einmal auf alte Postings von sich, die doch ganz genau sagen, dass man so etwas nicht mag. Komisch warum die noch niemand gelesen hat? Es verspricht eine hitzige Diskussion zu werden. Oder warum wird nach genügend Popcorn gefragt?
Doch gemeinhin hört man nach dem Vortrag nur das Ploppen einer Bierflasche und betrunkenes Schweigen. Logisch, die Diskussion ist ja auch schon gelaufen: über Facebook. Dort wird sich bereits vorab Phrase um Phrase ums Ohr gehauen [taktisches Verhältnis zum Gegenstand, Diskursanalyse, reaktionäre Geschlechternormen als Kohärenzmittel, kognitive Dissonanz, autoritärer Duktus im Diskurs, Hegemonie, Jargon, postkonstuktivistisch/postmodern/intersektional, Versprachlichung gesellschaftlichen Bewusstseinswandels] und all das sogar bevor der Vortrag stattfindet!!1! Während die einen dabei meinen einem Ankündigungstext die Stirn bieten zu müssen, stellen sich die anderen vor ihn und seinen Propheten [Was hast du gegen Klaue? Würden mehr Menschen auf ihn hören, wäre die Welt ein besserer Ort.]. Das ist nicht ideologiekritisch, das ist idiotisch. Dabei geht es schon lange nicht mehr darum miteinander zu diskutieren, sondern möglichst schnell die eigene Position klar zu machen, um zu zeigen auf welcher Seite man steht. In erster Linie aber, dass man überhaupt noch irgendwo steht. Stets in der Hoffnung sich damit ein Like zu fangen und am besten noch den Anderen vorzuführen #superior. Statt miteinander zu reden oder zu streiten, so wie das eigentlich mal gedacht war – Angesicht zu Angesicht – fetzt man sich jetzt – Face to Face – und zwar nicht um den Konflikt zu suchen, sondern um ihn zu vermeiden. Beim Kommentieren und Posten kann man schnell noch einmal Argumente googlen, unbekannte Worte nachschlagen und Sätze formulieren, die man so nie aussprechen, geschweige denn verstehen würde. Dieses Vorgehen dient der Rückversicherung, dass das, was man schreibt, auch mit der gewünschten Zugehörigkeit d‘accord geht – Copy Paste als oberstes Denkprinzip. Im Zweifelsfall besteht sogar die Möglichkeit, den Kommentar wieder zu löschen und somit etwas zurückzunehmen, was folglich nicht länger im Forum steht. Hierbei findet eine Zurschaustellung wieder gekauter Positionen statt, die nicht der Verteidigung der Inhalte dienen soll, sie zielt auf die Anerkennung der eigenen Crowd. Damit werden Diskussionen nicht gefördert, sondern abgebaut. Indem einerseits alles Spontane und Nonverbale (Mimik, Gestik, Tonfall, Sarkasmus, Ironie) substrahiert wird und andererseits der Konflikt im Real Life nicht mehr gefochten werden muss. Wohl wissend, dass man selbst aufflöge, würde man sich real und ohne Laptop auf die Diskussion einlassen – denn die Halbwertszeit googleten Wissens gleicht eher der von Jod als von Plutonium6 – schweigt jeder aus Angst vorm Dominoeffekt in sich rein und hofft, dass bloß niemand nachfragt. Wenigstens darin sind sich alle einig.

Die digitale Regression

Spätestens das Gelaber über Digitalisierung bei der Bundestagswahl hätte misstrauisch machen müssen. Wenn sich alle Parteien in einem Punkt einig sind, dann ist dies, das beste Zeichen dafür, dass etwas nichts, aber auch gar nichts ändert. Oder will die FDP etwa die Digitalisierung für mehr Umverteilung vorantreiben? Aber genau diese Nichtigkeit scheint der springende Punkt zu sein. Die Aneignung politischer Inhalte geht nirgendwo so leicht von der Hand wie Online. Das Wort digital stammt aus dem Lateinischen vom Wort Digtus. Was so viel heißt wie „den Finger betreffend, mit dem Finger“. Statt also die Faust zu ballen, hebt und senkt man jetzt den Daumen. Was den einen Tag gefällt, kann den anderen Tag schon wieder out sein. Nichts ist verbindlich, alles kann modifiziert werden. Aktivitätenprotokoll gelöscht, # entfernt, Like zum Dislike, Kommentar bearbeitet – Kontingenz statt Kontinuität. Man kann sich eine politische Identität schaffen, ohne je eine Diskussion gehabt zu haben – seine Meinung mitteilen, ohne je gehört zu werden – einen Freundeskreis haben, ohne irgendwen zu kennen. Das Zentrale dabei ist nicht der Glaube an die reale Kraft des eigenen Aktivitätenprotokolls, sondern die Illusion von Wirksamkeit, die es dem User beschert und die damit einhergehende Konsequenzlosigkeit. Oder wer musste sich schon einmal dafür verantworten, dass er sich bei Facebook im Angesicht seiner faschistischen Freunde von rechten Positionen distanziert hat?
Das Social Media, insbesondere Facebook, ist ein Spielplatz für Kinder, die sich nicht trauen auf Bäume zu klettern. Ein Medium für Menschen, die real nicht die Mühe aufbringen wollen sich eines zu schaffen. Die Verlagerung politischer Inhalte in die digitale Welt, lässt die Verhältnisse doch zumeist unbehelligt. Jeder dumme Post findet hier seinen Deckel, das Internet ist unendlich groß. Wenn einer Scheiße schreibt, schreibt ein anderer einfach mehr davon.
Der Kampf gegen Sexismus erfordert mehr als ein #metoo, Kritische Theorie ist kein Meme und eine Distanzierung von den Positionen der AFD im eigenen Facebook-Freundeskreis spricht entweder gegen diesen oder ist bloße Selbstdarstellung.
Und so wie nicht 1353 Menschen wirklich zu diesem Vortrag erscheinen werden…
So gibt es auch kein digitales Leben im Richtigen.

  1. Laut Deutschlandfunk hat der Nachrichtendienst Twitter festgestellt, dass sich Menschen mit 280 Zeichen besser ausdrücken können und zugleich weniger Probleme beim Formulieren haben, weil die Wortwahl nicht mehr so stark überdacht werden muss. [zurück]
  2. https://www.facebook.com/search/str/wiesengrund/keywords_users [zurück]
  3. https://www.facebook.com/search/str/horkheimer/keywords_users [zurück]
  4. https://www.facebook.com/search/str/jean+amery/keywords_users [zurück]
  5. https://www.facebook.com/Frankfurter-Schule-gang-doing-things-1717951901829894/?ref=br_rs [zurück]
  6. Hier der Beweis: Informationen über Halbwertszeit gegoogelt und direkt wieder vergessen. [zurück]
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http://geko.blogsport.de/2017/11/12/aber-doof-geworden-sind-alle/feed/
Make Identity great again- Über das Verhältnis von Gesellschaftskritik und Betroffenheitskitsch http://geko.blogsport.de/2017/06/05/make-identity-great-again-ueber-das-verhaeltnis-von-gesellschaftskritik-und-betroffenheitskitsch/ http://geko.blogsport.de/2017/06/05/make-identity-great-again-ueber-das-verhaeltnis-von-gesellschaftskritik-und-betroffenheitskitsch/#comments Mon, 05 Jun 2017 15:10:13 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2017/06/05/make-identity-great-again-ueber-das-verhaeltnis-von-gesellschaftskritik-und-betroffenheitskitsch/ In den letzten Jahren sind Konzepte wie „Critical Whiteness“, „Cultural Appropriation“ und andere Ansätze der queeren Theorie, wie Homonormativität, unter einem emanzipatorischen Label gerade in linken und popkulturellen Medien en vogue geworden. Sie versprechen einen aufgeklärteren, kritischeren Umgang mit Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit sowie Fragen von Gender und einer gerechteren Gesellschaft. Man gewinnt den Eindruck, dass eine Auseinandersetzung mit den Konzepten und die Infragestellung des tatsächlichen emanzipatorischen Gehalts durch einen absoluten Wahrheitsanspruch des Konzeptes der „Betroffenheitsposition“ verhindert wird. Es entsteht das Problem, dass Erfahrungswissen und analytische Abstraktion, die für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung notwendig sind, nicht mehr vermittelt gedacht werden: so können dann auch nur noch „betroffene“ Individuen oder Gruppen über einen gesellschaftlich relevanten Gegenstand reden oder darin zumindest das letzte Wort haben.

Im Februar 2017 erschien in diesem Kontext der Sammelband „Beißreflexe“ von Patsy l’Armour LaLove, der mit einem positiven Bezug auf die Entstehung der queeren Bewegung in den USA aktuelle Entwicklungen innerhalb von Theorie und queerer Szene kritisch in den Blick nimmt.
Die Veröffentlichung stieß prompt auf heftige Reaktionen, welche die Relevanz der Auseinandersetzung verdeutlichen: während KritikerInnen das Buch wegen seiner etwaigen *feindlichen Momente ablehnen, sehen andere Rezensionen das Potenzial in einer innerlinken und gesellschaftlichen Auseinandersetzung.
Ähnlich heftige Reaktionen riefen auch Vorträge der Gruppe „Aktion 3. Welt Saar“ zum Thema Kritik am Critical Whiteness-Konzept hervor, die mit massiver Vehemenz zu verhindern versucht wurden.

Mit den beiden Vorträgen wollen wir die Möglichkeit bieten sich kritisch mit den Konzepten auseinanderzusetzen: was sind die autoritären Sehnsüchte und Sprechverbote? Welche Funktion erfüllen sie und wie stehen sie im Verhältnis zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, in denen sich aus dem rechten Spektrum rassistische und antifeministische Positionen ausbreiten?

12.06.17 // 18 Uhr// Franckeschen Stiftungen, Haus 31, Hörsaal 1. OG
Beissreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. [http://bit.ly/2sJmND2]

29.06.17 // 18 Uhr// Seminar für Ethnologie in der Reichhardtstraße 11
Wie kritisch ist Critical Whiteness? Zur Kritik des neueren Antirassismus. [http://bit.ly/2swnLn0]

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Berühmt und berüchtigt – Nicht trotz, sondern wegen seiner Schweinereien http://geko.blogsport.de/2017/05/26/beruehmt-und-beruechtigt-nicht-trotz-sondern-wegen-seiner-schweinereien/ http://geko.blogsport.de/2017/05/26/beruehmt-und-beruechtigt-nicht-trotz-sondern-wegen-seiner-schweinereien/#comments Fri, 26 May 2017 08:14:37 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2017/05/26/beruehmt-und-beruechtigt-nicht-trotz-sondern-wegen-seiner-schweinereien/ In Deutschland setzt mal wieder die Zeitrechnung aus. Anstelle von 2017 befinden wir uns plötzlich im Jahre 471 n.L.. Wer es noch nicht gewusst hat, weiß es spätestens jetzt. Jedoch haben nicht nur die Geschenkartikelbranche, Souvenirhersteller, Playmobil und Backwarenproduzenten Lunte gerochen, auch Wissenschaft, Politik und Kultur wollen ihren Krümel vom Lutherkeks haben. Deshalb tönt es gerade wieder aus allen Ecken: Deine Lutter!

Wer ist Luther und wenn ja, wie viele?
Mittlerweile ist bekannt: Luther war nicht nur gut. So schreibt Deutschland Radio Kultur einen Artikel über „Den hässlichen Luther“ und der evangelische Kirchenkreis Neukölln redet vom „hellen und vom dunklen Luther“ 1. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland spricht sich für einen offenen Umgang mit den „dunklen Seiten“ des Reformators aus. Margot Käßmann – die Lutterbotschafterin im Mutherjahr – sagt in einem Interview mit der Emma: „Na klar, ich weiß: Die Kirchen und die Frauen, das ist ein ganz eigenes Thema. In den Religionen herrschen oft patriarchale Zustände. Und auch Martin Luther kann kritisch angefragt werden.“ Schließlich neigen selbst Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben ihn zu kritisieren dazu, auf den scheinbaren Widerspruch seiner Person zu verweisen: „Martin Luther (…) war sicherlich ein großer Intellektueller, doch letztendlich auch ein schwacher, von teils undefinierbarer Angst erfüllter, umtriebig destruktiver Charakter. (…) Außerdem galt er als zutiefst abergläubischer Mensch, der sich vor Hexen fürchtete und nicht müde wurde, deren Tod einzufordern.“ 2 Last but not least – will die Oper Halle sich am Spektakel mit einer Charakterstudie zu Luther und seinen Verehrern bereichern. Diese schreibt im Teaser ihres Kanwaten Projektes von Luthers sprachschöpferischem Genie, seiner gottgegebenen Liebe zur Obrigkeit und aber auch seinen dunklen Seiten, um in der näheren Beschreibung zu sagen: „Es geht um die Wirkkraft von Martin Luthers Gedankenwelt bei der Bildung der deutschen Sprache, des deutschen Volkes und dessen demokratisch legitimierter Herrschaft. Die Ambivalenz gerade des politischen und von der Politik vereinnahmten Luthers steht hierbei im Fokus.“ 3 Die Ambivalenz des Martin Luther. Die Vermutung liegt nahe, man habe es hier mit einer multiplen Persönlichkeit zu tun: Hässlich und schön, intellektuell und abergläubisch, demokratisch und obrigkeitsliebend, hell und dunkel. What a man oder vielleicht doch a woman? Eigentlich ist anzunehmen, dass eine hässliche Seite nicht unbedingt mit einer schönen einhergeht sowie Intellekt nicht das Resultat von Aberglaube ist. Obrigkeitsliebe und demokratisches Grundverständnis scheinen nicht einmal in der Türkei vereinbar und überhaupt ist meistens das Licht an oder aus.

Das Oxymoron Martin Luther
Übersehen wird in solcherlei Beschreibungen nicht der Balken im eigenen Auge, eher schon das Brett vorm Kopf. Der Ursprung des widersprüchlichen Luther, liegt nämlich nicht in seiner Person selbst, sondern in der nachträglichen Konstruktion dieser. Die Gesellschaft, deren Mitglieder sich sonst so unfähig erweisen Widersprüche auszuhalten, hat hier ausnahmsweise kein Problem damit. Besonders die Zeitschrift „scientia Halensis“, das Magazin der Martin-Luther-Universität, beweist Solidarität getarnt als Dummheit, gegenüber ihrem Namenspatronen. So schreiben die Wissenschaftler im Magazin: „Luther setzte sich aber auch für eine Wissenschaft ein, in der die rationale Erkenntnis über den christlichen Dogmen steht.“ Um zwei Sätze später fortzufahren, worin diese rationale Erkenntnis besteht: „[Er] sei nach dem intensiven Studium der Bibel von der Kraft seiner eigenen Argumente überzeugt gewesen, die Kirche habe ihm keine sachlichen Gegenargumente liefern können. Zudem: Die theologische Erkenntnis – aus dem Studium der Heiligen Schrift gewonnen – steht für ihn über jeder irdischen Autorität sei sie noch so mächtig.“ 4 Die Kraft der eigenen Überzeugung aus der Bibel gewonnen, das würde vermutlich in keiner Seminararbeit als Quelle durchgehen, aber die hallesche Wissenschaftszeitschrift sieht hierin den Ursprung von „Rationalität und wissenschaftliche[r] Erkenntnis“ 5. Auch gilt Luther dort als Wegbereiter der „Trennung von Staat und Kirche“ 6. Dem steht nicht entgegen, dass Luther jegliche Gesetzgebung von Menschen, anders ausgedrückt: „irdische[r] Autorität“ 7 gegenüber der Autorität Gottes abwertete. Im selben Atemzug erklärte Luther gleich noch seine subjektive theologische Erkenntnis für die Gottes. Verrückter Typ! Sollte man meinen. Dass sich jedoch hierin eine solide Grundlage für einen säkularisierten Staat verbirgt, darauf wären wohl die Wenigsten gekommen. Hinzukommend wird seitens der Autoren gekonnt ignoriert, dass genau diese Trennung von Staat und Kirche im Reformationsjahr aufgehoben wird. Zumindest spricht die Investition von über 80 Millionen Euro seitens Sachsen Anhalts dagegen8. Die nächste Conklusio erfolgt in Anbetracht von Luthers hoher Tiefachtung vor Frauen, die sich in Sätzen wie: „Eine Frau hat häuslich zu sein, das zeigt ihre Beschaffenheit an; Frauen haben nämlich einen breiten Podex und weite Hüften, daß sie sollen stille sitzen.“ oder „Die größte Ehre, die das Weib hat, ist allzumal, dass die Männer durch sie geboren werden.“ 9 ausdrückt. In einem solchen Kontext scheint es konsequent und folgerichtig, dass Luther von der Gleichstellungsbeauftragten der Theologischen Fakultät als „erster neuer Mann“ angeblich die Gleichwertigkeit aller Menschen begründete10. Die scientia Halensis macht deutlich: Logik und Lutherliebe tragen zwar den selben Anfangsbuchstaben, stehen sich in Inhalt und Anspruch aber feindlich gegenüber.

Alles ist eins
Aber wie die Sonne und der Mond, die Ebbe und die Flut, der Himmel und die Erde ein großes Ganzes bilden, bilden auch die vielen Luthers letztlich eine Einheit, die in sich stimmig ist. Es existiert mittlerweile eine Art von „sich kritisch gebendem stillschweigendem Einverständnis“ mit Luthers offensichtlicheren Schweinereien – Antisemitismus, Frauenverachtung, Befürworter des Mordens behinderter Menschen – um hier nur ein paar Dinge zu nennen. Diese werden im Zuge seiner großen Verdienste als Kavaliersdelikte hingenommen. Deshalb lohnt es sich einmal zu fragen, worin seine großen Verdienste bestehen? Was tat er also schon, der Luther? Er hat angeblich mit einem Nagel ein paar Blätter Papier an eine Tür gehauen, mit Sachen drauf, die „denen da oben“ nicht passten11. Aber wer von uns hat noch nie ein Poster aufgehangen, bloß um seine Eltern zu provozieren oder eine Wand besprayt, um gegen das System zu schimpfen? Sind wir also alle kleine Luthers?

Nein, denn was die meisten von uns von dem großen Reformator trennt, sind die zwar nicht nur durch ihn, aber im Wesentlichen mit ihm und vor allem in ihm angestoßenen Veränderungen einer repressiven Religion in eine nicht viel bessere. So agierte er gegen den Ablasshandel, etablierte aber zugleich ein Arbeitsverständnis, welches den Ablasshandel fast wieder erstrebenswert erscheinen lässt. „Ora et labora“ statt „Kauf dich frei von deinen Sünden“. Karl Marx schrieb 1844 über Luther: „Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt.“ 12 Luther befreite folglich den Menschen, damit er sich nunmehr freiwillig unterwerfen sollte. Er entgrenzte die Religion und machte ihren Einfluss damit umfassender, nicht geringer. Er war gegen die Kirche, nicht etwa, weil diese sich gegen den Menschen richtete. Er war gegen die Kirche, weil diese es sich erlaubte selbst Gesetze zu schaffen und den weltlichen Genüssen zu erliegen. Friedrich Nietzsche sagte zur Wirkung Luthers: „Was geschah? Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach Rom. Dieser Mönch, mit allen rachsüchtigen Instinkten eines verunglückten Priesters im Leibe, empörte sich in Rom gegen die Renaissance… (…) Luther sah die Verderbnis des Papsttums, während gerade das Gegenteil mit Händen zu greifen war: (…) das Christentum saß nicht mehr auf dem Stuhl des Papstes! Sondern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens! Sondern das große Ja zu allen hohen, schönen, verwegenen Dingen!… Und Luther stellte die Kirche wieder her: er griff sie an… Die Renaissance – ein Ereignis ohne Sinn, ein großes Umsonst!“ 13

Warum also Luther?
Angesichts dieser doch sehr streitbar erscheinenden Verdienste, die vorab bereits von anderen Reformatoren und das in weitaus humanerer Weise vertreten und angeregt wurden, stellt sich die Frage warum gerade Luther so berühmt werden konnte? Heinrich Heine liefert die Antwort: „Die Feinheit des Erasmus und die Milde des Melanchthon hätten uns nimmer so weit gebracht wie manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin.“ Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr verwunderlich, warum die sich sonst nach autoritären Gestalten sehnende Gesellschaft, auf einmal auf der Seite des inszenierten Befreiers wägt. Es scheint, als ob es ihr nie darum ging sich von religiösen Dogmen und korrupten Priestern freizumachen, sondern nur darum, sich dem nächsten Kackmist unterzuordnen. Sich selbst eine Identität zu schaffen, ohne wirklich eine haben zu müssen und dabei noch laut schimpfen zu dürfen. Die Protestanten kamen zur Welt. Sie wähnen sich als eine Nachgeburt Luthers.31

Die anderen Folgewirkungen Luthers traten immer dann ans Tageslicht, wenn die Welt am dunkelsten war. So erlebte Luther im Nationalsozialismus sein großes Revival. Hitler war Fan: „Er war eine Persönlichkeit aus lebendiger Kraft, die Spitze einer breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes.“ „ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen.“ 15 Aber bereits der Weg in den Nationalsozialismus war von Luthers Denken begleitet. Heinrich von Treischke schrieb 1894 über Luther: „Das köstlichste Vermächtnis, das Luther unserem Volke hinterlassen hat, bleibt doch er selber und die lebendige Macht seines gottbegeisterten Gemüts. Keine andere der neuen Nationen hat je einen Mann gesehen, der so seinen Landsleuten jedes Wort von den Lippen genommen, der so in Art und Unart das innerste Wesen seines Volkes verkörpert hätte […] Wo immer deutsches und fremdes Volkstum feindselig aufeinander stößt, da war der Protestantismus allezeit unser sicherster Grenzhüter […]“ und „Aus den tiefen Augen dieses urwüchsigen deutschen Bauernsohnes blitzte der Heldenmut der alten Germanen. der die Welt nicht flieht, sondern sie zu beherrschen sucht durch die Macht des sittlichen Willens.“ 16 Die Jahre nach 1894 dienen als Beleg für den sittlichen Willen der alten Germanen versehen mit Machtanspruch.
Seine großen Befürworter bezogen sich also, wie hier deutlich wird, nicht primär auf seine reformatorische Arbeit, sondern vielmehr auf seine impliziten Verdienste für Volk und Nation sowie die Brutalität mit der er seine Überzeugungen an den Mann brachte. Dass die religiösen Auswirkungen dabei nebensächlich waren, beschreibt Hitler in „Mein Kampf“ so: „Es konnte in den Reihen unserer Bewegung der gläubige Protestant neben dem gläubigen Katholiken sitzen, ohne je in den geringsten Gewissenskonflikt geraten zu müssen.“ 17 Schon damals gab es schließlich etwas Größeres, was das fromme Volk einte. Auch das Datum auf der Taufkerze der Martin-Luther-Universität spricht eher für eine Benennung durch nationalsozialistische, denn reformatorische Eltern. Getreu dieser Überzeugung erlebte Luther erneut Aufwind mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus18, im Zuge der Wiedervereinigung der Nation. Deutschland war wieder mehr ein Ganzes und welch Wunder: auch wieder mehr Luther. Neue Städte und Länder entstanden. Wo vorher bloß ein Ort existierte oder ein Bundesland eines unter 16 war und dazu noch ostdeutsch, konnte es von nun an das ehrenwerte Luther im Namen führen.

Luther Verteidigung als Form der Vergangenheitsbewältigung
In Anbetracht dieser Erfolgsstory made in Germany, scheint es nicht ganz so verwunderlich, dass seine Verehrung fortlaufend immun gegen Kritik ist. Wie ein Antibiotika resistenter Keim, wird sie stärker und vielfältiger durch sie. Sie macht aus ihm einen fehlbaren Deutschen: „Dennoch können wir uns Luther, dessen späte judenfeindliche Schriften erst im 20.Jahrhundert umfassend aufgearbeitet worden sind, in vielen Fällen nicht zum Vorbild nehmen. Aber das hätte er auch selbst nicht gewollt. Denn im Kontrast zu mancher späteren Verherrlichung war er sich seiner Menschlichkeit und Fehlbarkeit stärker bewusst, als es spätere Lobredner wahrhaben wollen.“ 19 Hierin verbirgt sich nicht nur die Vermenschlichung des Unmenschlichen, sondern zugleich noch eine Anklage. Luther selbst wollte das alles gar nicht! Er ist also in erster Linie Opfer seiner Inszenierung, nicht Täter. Fast wie damals die Deutschen nach dem Krieg. Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann erklärt das so: „Luther konnte sich den Judenmord nicht vorstellen“ , denn „Er wollte jüdischem Leben die Grundlage entziehen, nicht weniger, aber auch nicht mehr.“ 20 Die Berufung auf die späte Aufarbeitung der judenfeindlichen Schriften, macht das Ganze ebenfalls nicht besser. Wo ein Tsunami angebracht wäre – nur die Kreise kleiner Tropfen, denn lautes Schweigen kennzeichnet die Debatte: „Auf ihrer Herbstsynode im Frankfurter Dominikanerkloster hat sich die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) formal von den judenfeindlichen Spätschriften Martin Luthers distanziert.“ 21 Formal meint seiner Bedeutung nach: „nur der Form nach, ohne eigentliche Entsprechung in der Wirklichkeit.“ 22 Antisemitismus als Formalie. Abgearbeitet, nicht aufgearbeitet. Auch stellt sich die Frage: Aufarbeitung wovon? Müssen judenfeindliche Schriften à la Luther wirklich erst gedreht und gewendet werden, damit ihr antisemitischer Gehalt aufgedeckt wird? Wo in der Trennung von schaffendem und raffenden Kapital noch eine gewisse Abstraktionsleistung von Nöten ist, um den antisemitischen Stereotyp dahinter zu entlarven, besteht bei Aufforderungen wie: „ihre Synagogen niederzubrennen, ihre Häuser zu zerstören und sie wie Zigeuner in Ställen und Scheunen wohnen zu lassen, (…) ihren Rabbinern das Lehren bei Androhung der Todesstrafe zu verbieten“ 23, die Bewusstseinsleistung eher darin, den Antisemitismus nicht zu erkennen. Spätestens mit dem Vermerk „nicht in allen Fällen zum Vorbild nehmen“ beweist der Rektor der Uni Halle, die Sinnlosigkeit dieses ganzen pseudo kritischen Unterfangens. Das besagt nämlich zugleich: in anderen schon. Und Hitler baute schließlich auch die Autobahn, oder?

Sind wir nicht alle ein bisschen Luther?
Kritik an Luther zeigt also: Dieser war nicht nur Mönsch, er war auch Mench. Das hilft zu verstehen, warum die halbe Wissenschaft sowie Feuilleton und Kultur (auch alles Mönschen) zur Verteidigung Luthers herbei eilen. Eine Luther-Karikatur brachte noch nicht einen wütenden Protestanten auf die Straße. Kritik an ihm verläuft in der Regel ohne Sanktionen und ist nicht an eine reale Bedrohung geknüpft. Möglicherweise rührt dieser reflexartige Relativierungsinstinkt24 deshalb nicht aus dem untrüglichen Glauben an Luther oder der Angst davor, Schelte an ihm zu betreiben. Schon eher jedoch aus dem Wissen, dass die eigenen Vorfahren nicht viel besser waren und der Ahnung darüber, dass der eigene Charakter selbst oft sexistisch – um im Duktus zu bleiben – fehlbar ist und man entgegen besseren Wissens, Menschen ohne Arbeit, immer noch für wertloser hält als Menschen mit. Würde ein solches Denken bei Luther sanktioniert werden, könnte beim eigenen Selbst nicht Halt gemacht werden. Somit greift Kritik an Luther nicht nur Luther an, sondern alle jene, die gleiche Züge in sich ahnen. Und deshalb dient die Verteidigung seiner Person nicht primär der Verteidigung dieser, vielmehr dient sie vornehmlich der Rechtfertigung der eigenen Verfehlungen und der Beschwichtigung der eigenen Geschichte. Luther fungiert hierbei als Identifikationsfigur und Bestärkung für ein solches Fehlverhalten. Als Beweis und Versicherung dafür, dass hierzulande niemand etwas zu befürchten hat, außer die Stilisierung zur Ikone.

„Nach der Händel-Torte kommt der Luther-Kuchen“25
Eine solche Ikonisierung geht natürlich immer mit ihrer Vermarktung einher. Schließlich findet auch das ökonomische Interesse seinen Ausdruck in der Luther-Tümmelei. Der Luther-Kuchen liegt nicht bloß schwer im Magen, sondern auch im Geldbeutel. Die Bundesregierung misst „der Lutherdekade und dem Reformationsjubiläum bei der Werbung für das Reiseland Deutschland besondere Bedeutung hinsichtlich seiner touristischen und wirtschaftlichen Wirkung27 zu und von der „Backmischung Ökumenisches Vesperbrot“ über die „Beachflag Reformation“ bis zur „Nylon Frisbee Scheibe Hallo Luther“28 ist alles da, was das asketische Protestantenherz begehrt. Hier zeigt sich der Zusammenhang von Luther und Kapitalismus mal von einer anderen Seite. Die Reformation frisst sozusagen ihre eigenen Kinder. Dass eine solche Vermarktung eher weniger im Sinne ihres Erfinders liegt, verweist erneut darauf mit welcher Beliebigkeit die theologischen Überzeugungen Luthers konsumiert werden. Wo es um Geld geht, sind Gebote – mögen sie von Gott höchstpersönlich sein – zweitrangig. Das denken sich wahrscheinlich auch all jene, die ihr Leben lang in der Auffassung, dass Luther ein Held gewesen sei und kein Schwein, Bücher darüber verfassten. Denen fällt es zunehmend schwer sich ihrer ökonomischen Grundlagen zu entbehren und das eigene Werk als nichtig zu titulieren. Man sägt nicht an dem antisemitischen Ast, auf dem man sitzt. Lieber schreibt man weiter Texte drum herum und hofft so, der Wald möge vor lauter Büchern nicht gesehen werden.

Die Kontinuität Martin Luthers
Anstelle und vor allem in Anbetracht der großen Gefahr aufzufliegen, endlich über Luther zu schweigen und auf die Kröten zu verzichten, gehen seine Apologeten und Nutznießer auch 2017 wieder in die Vorwärtsverteidigung. Die christliche Religion – wohl wissend, dass sie ausgedient hat – bildet seit geraumer Zeit Luther-Allianzen. Christoph Türke beschreibt die Zusammenarbeit so: „In gewisser Weise ist das Lutherjahr auch ein modernes Märthyrerfest – ein Gegenprogramm gegen die diabolische Versuchung, die von islamistischen Djihadisten und Selbstmordattentätern auf die westliche Welt ausgeht.“ 29 Ein Feind eint bekanntlich mehr als jede Gemeinsamkeit. Der Papst, dessen Delegitimation Luther einst vorantrieb, trifft sich mit dem lutherischen Weltbund. Das Motto ist klar: Lieber eine Religion, als keine Religion. Auf individueller Ebene findet die erneut aufkeimende Sehnsucht nach Autorität, kombiniert mit dem gleichzeitigen Verlangen gegen das Establishment zu protestieren, in der Begeisterung für Martin Luther ihren Ausdruck. Dieser war schon damals die Stimme des kleinen Mannes. Und zwar dessen, der sich seit jeher ungerecht behandelt fühlt und die Schuld nicht bei sich oder komplexeren Zusammenhängen, sondern nur bei Anderen sucht. Heute ist Luther erneut eine Projektionsfläche für Menschen, denen zwar nicht alles passt, wie es ist, die aber auch nicht wissen, wie man es besser machen könnte. Sich deshalb in die Autorität von Staat, Religion, Personal-Trainer, Paelo-Ernährung und Mandalas flüchten. Dabei stets anderen die Schuld am eigenen Unglück geben. Auch auf staatlicher Ebene lässt sich das Reformationsjubiläum, kurz das Lutherjahr, nicht als Weiterentwicklung der Räson deuten. „Der deutsche Bundestag stellt fest: (…) Bei dem Reformationsjubiläum im Jahr 2017 handelt es sich um ein kirchliches und kulturgeschichtliches Ereignis von Weltrang. (…) Die Lutherdekade und das Reformationsjubiläum 2017 werden nicht nur ein nationales, sondern europäisches und internationales Ereignis sein, bei dem Deutschland historischer Ursprungsort der Reformation ist. Deutschland steht dabei im Mittelpunkt der internationalen Vernetzung.“ 30 Deutschland im Mittelpunkt der internationalen Vernetzung. Das hätte nicht nur Martin Luther gefallen.
In diesen Momenten zeigt sie sich wieder am stärksten – die Kontinuität Martin Luthers. Nicht etwa im Zusammenhang mit Aufklärung, Säkularisierung und Humanismus. Sie zeigt sich am deutlichsten in der Dreifaltigkeit des Zusammenhangs von Religion, Herrschaft und Kapital und insbesondere dort, wo es um Deutschland geht. Die konstruierte Wendung der Person Luthers zum großen Reformator, fehlbaren Frommen, sympathischen Wüterich und Auch-Menschen dient vor diesem Hintergrund bestens dazu, der Frage aus dem Weg zu gehen: Warum so ein Volltrottel hierzulande so berühmt werden konnte? Die Antwort wäre: Gar nicht trotz seiner dunklen Seiten, sondern genau wegen dieser.

  1. http://www.neukoelln-evangelisch.de/event/2828133 [zurück]
  2. https://hpd.de/node/13504 [zurück]
  3. http://buehnen-halle.de/luther_das_kantatenprojekt#!/ [zurück]
  4. Scientia halensis: „Reformation als Massage“, Ausgabe 1/17 , S.8 [zurück]
  5. Ebd. S.11 [zurück]
  6. Ebd. S.11 [zurück]
  7. Ebd. S.11 [zurück]
  8. http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/refjahr-was-kostet-das-jubilaeum-100.html [zurück]
  9. http://www.projektwerkstatt.de/religion/luther/luther_zitate.html [zurück]
  10. Andersgläubige, Behinderte und Frauen ausgenommen. [zurück]
  11. Für den berühmten Thesenanschlag gibt es bis heute keine Beweise. [zurück]
  12. Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung [zurück]
  13. Nietzsche, Friedrich: Der Antichrist ; 61-62 [zurück]
  14. Zitat Hitler, Opernzeitung Halle [zurück]
  15. Zitat Hitler, Opernzeitung Halle und http://www.theologe.de/adolf-hitler_martin-luther.htm#Adolf-Hitler_und_Martin-Luther [zurück]
  16. Heinrich von Treischke über Luther nachzulesen in: „Luther in der deutschen Geschichtschreibung“ https://www.historicum.net/themen/reformation/mythos-reformation/1-sprachliche-dimension/b-geschichtsschreibung/ [zurück]
  17. Opernzeitung 2.Spielzeit Oper Halle, S.10-11 [zurück]
  18. Vgl. Türke, Christoph: „Luther – Steckbrief eines Überzeugungstäters“, S.9 [zurück]
  19. Prof. Dr. Udo Sträter, Rektor der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg: Scientia Hallensis, S. 3 [zurück]
  20. https://www.luther2017.de/kr/wiki/martin-luther-und-die-juden/kirchenhistoriker-luther-konnte-sich-judenmord-nicht-vorstellen/ [zurück]
  21. https://www.luther2017.de/kr/wiki/martin-luther-und-die-juden/ [zurück]
  22. Duden [zurück]
  23. Luthers Sieben-Punkte Plan zum Umgang mit den Juden https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_und_die_Juden#.C3.9Cbersicht [zurück]
  24. Luther als „Kind seiner Zeit“ etc. [zurück]
  25. http://www.mz-web.de/24255116 ©2017 [zurück]
  26. Opernzeitung, S. 10-11 [zurück]
  27. Das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 – Ein Ereignis von Weltrang http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/064/1706465.pdf [zurück]
  28. http://www.komm-webshop.de/produkte/luther-2017.html [zurück]
  29. Türke, Christoph: „Luther – Steckbrief eines Überzeugungstäters“, S.11 [zurück]
  30. Das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 – Ein Ereignis von Weltrang http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/064/1706465.pdf [zurück]
  31. Der Protestantismus trug einst revolutionäre Elemente in sich. Jedoch reduzierten und reduzieren Gegner und Anhänger der Reformation diese auf die Figur Martin Luther und schufen sich somit einen neuen Bezugspunkt, in dessen Wirkkreis sie sich heute und schon damals verorteten. Die geschichtliche Dialektik, welche die Reformation unvermeidlich machte, wird dabei ausgeklammert. Siehe dazu: Felix Riedel: „Religion berauscht nicht mehr“ in Jungle World 22/2017 [zurück]
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http://geko.blogsport.de/2017/05/26/beruehmt-und-beruechtigt-nicht-trotz-sondern-wegen-seiner-schweinereien/feed/
Vorwort zur Lesung am 8.Mai 2016 http://geko.blogsport.de/2016/05/22/vorwort-zur-lesung-am-8-mai-2016/ http://geko.blogsport.de/2016/05/22/vorwort-zur-lesung-am-8-mai-2016/#comments Sun, 22 May 2016 10:06:57 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2016/05/22/vorwort-zur-lesung-am-8-mai-2016/ Liebe Gäste, liebe Genossinnen und Genossen,

Auch jenseits des Szenesumpfes häufen sich auf Facebook und Twitter die Postings über den 8.Mai, die ihre jeweiligen „Lehren aus der Geschichte” anpreisen. Um einen kleinen Einblick zu geben:
Allein die Partei Angela Merkels ignoriert dieses Jahr den 8.Mai und feiert stattdessen den Muttertag, für den ab 1926 die „Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung” warb und der 1933 zum offiziellen Feiertag wurde.
Die SPD dagegen scheint am Nationalsozialismus vor allem zu stören, dass der Krieg wieder nach Hause kam: Neben den üblichen Floskeln von „Verantwortung für Toleranz und Solidarität” prangt ein Bild von einer zerbombten deutschen Stadt. Entsprechend liest sich auch die Einlassung Frank-Walter Steinmeier, dass die Deutschen 71 Jahre nach Kriegsende „besondere Verantwortung für Frieden und Verständigung” tragen.
Die Vertreter der zweiten sozialdemokratische Fraktion im deutschen Parteiensystem melden sich ebenfalls zu Wort. Ihr Jugendverband die Linksjugend erklärt heute „Rechtsextremismus, Nationalismus, Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus […] sind keine Themen der Vergangenheit.” Ganz so, als hätte es nie eine Kolloboration zwischen muslimischen Antisemiten und dem dritten Reich gegeben und als wäre ausgerechnet antimuslimischer Rassismus ein Merkmal des Nationalsozialismus gewesen. Ihre Mutterpartei Die Linke geht noch einen Schritt weiter und meint mit direktem Bezug auf 8.Mai ausgerechnet das Wutbürgertum adressieren zu müssen „Empörung und Gerechtigkeit zusammenzubekommen ist unser Ziel für Heute.”
Mittlerweile gehört es zum guten Ton, dass man auch als linker Szeneaktivist am 8.Mai eine Sause veranstaltet. Es dürfte kaum ein AJZ geben, in dem das nicht der Fall ist. Wer zudem als ordentlicher Antideutscher etwas auf sich hält, der postet massenweise Bilder amerikanischer Bomber, der russischen Flagge auf dem Reichstag, der Verbrüderung von Torgau usw. Was als Provokation gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft und das konservative Milieu einmal sinnvoll war, ist auf Facebook, wo man sich vor allem an den eigenen Freundeskreis oder als Organisation an die eigenen Fans wendet, vor allem eines: Der politische Ersatz für das Katzenbildchen. Ordinärer Kitsch, der vor allem der gegenseitigen Bestätigung der richtigen Gesinnung dient. Der 8.Mai ist zu einer reinen Projektionsfläche verkommen.
Entsprechend geht es nicht mehr um die Frage nach den „Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Demokratie” (Adorno). Phillip Schweizer, den wir letztes Jahr an dieser Stelle zu einem Vortrag eingeladen hatten, erklärte damals sinngemäß, dass zwar eine gewisse Bescheidwisserei vorherrsche, sich aber kaum jemand einmal mit dem Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit auch empirisch auseinandergesetzt habe. Aus diesem Grunde wollen wir Heute nicht zum tausendsten Vortrag einladen, der im Nebel stochert, sondern in einer Lesung zeitgenössische Versuche vortragen, die Deutschen zu begreifen. Wir hoffen, damit zu einer weiteren Beschäftigung anregen zu können.

Es wurde gelesen aus:
Instructions for British Servicemen in Germany 1944. Kiwi-Taschenbuch.
Saul K. Padover, Lügendetektor: Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45. Eichborn-Verlag.
Hannah Arendt, Besuch in Deutschland. Rotbuch-Verlag.
Kay Boyle, Der rauchende Berg: Geschichten aus Nachkriegsdeutschland. Verlag Neue Kritik.
Wilhelm Koenen, An meinen Bruder in Mexiko (1945). In: Jan Gerber/ Anja Worm (Hg.), Fight for Freedom – Die Legende vom anderen Deutschland. Ca ira Verlag.

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Redebeitrag zur Demonstration „Straight to Hell“ in Bornhagen http://geko.blogsport.de/2016/05/06/redebeitrag-zur-demonstration-straight-to-hell-in-bornhagen/ http://geko.blogsport.de/2016/05/06/redebeitrag-zur-demonstration-straight-to-hell-in-bornhagen/#comments Fri, 06 May 2016 11:45:46 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2016/05/06/redebeitrag-zur-demonstration-straight-to-hell-in-bornhagen/ Liebe Bornhagener,

nach unseren Demonstrationen in Insel und Tröglitz dachten wir, provinzieller und einfältiger geht es nicht mehr. Dann aber kam Bornhagen und mit euch die Provinz-Björns und Berufs-Bodos dieser Republik und bewiesen uns das Gegenteil. Es schien fast so, als ob ihr und eure Oberhäuptlinge einen schlechten Witz machen wolltet, indem ihr das Bild, dass wir von der ostdeutschen Provinz gezeichnet haben, nicht nur bestätigt, sondern noch übertrumpft habt.

Da war Bodo Ramelow von dem wir zunächst nur dachten, er würde wie alle Ostpolitiker nur seine Schäfchen verteidigen und sie von der Verantwortung ihrer Wahl der AfD freisprechen. Als er dann seinen Antifa-Nazimethoden-Vergleich anbrachte und sich auch am lautstarken Beifall von richtigen Neonazis nicht störte, belehrte er uns eines Besseren: Anders als der Steins- und der Friesenbach, die ihr so stolz auf eurem neuen Wappen tragt haben AfD und Linkspartei mehr als nur denselben Wählerquell. Vielmehr fließen sie an vielen Stellen direkt ineinander. Mit den beiden Parteien ist es, wie mit einem Bruderstreit beim Familienfest in Bornhagen: Das ganze Jahr über liegen die beiden Bauernbrüder im Streit, wenn aber zu Weihnachten der verhasste Onkel aus Berlin kommt, dann rückt man zusammen, um sein Recht die Sau durchs Dorf zu treiben, gegen die großstädtische Libertinage zu verteidigen.

Die Häuptlinge dieser „Querfront der westdeutschen Ossiversteher” wie wir sie nannten sind deshalb nicht zufällig Björn und Bodo. Sie stehen auch persönlich für all das, was wir kritisieren und womit ihr euch identifizieren könnt: Ein autoritäres Staatsverständnis, die Inszenierung als verfolgte Unschuld, mangelnde Affektkontrolle – die ihr unter dem Vorwand des Herrentages auch heute wieder ausleben werdet – und nicht zuletzt den Wunsch zurückzukehren zu direkteren persönlichen Herrschaftsverhältnissen.

Euer Bürgermeister beweist das nur zu gut, wenn er sich nicht entblödet sich in der Presseöffentlichkeit zu beschweren, dass Bornhagen „gar kein Mitspracherecht” bei unserer Demonstration gehabt habe. Ginge es nach ihm, dann dürften wir, wie er in der Zeitung erklärte, „nur am Sportplatz” unsere „Runden drehen.” In Bornhagen ist noch nicht angekommen, dass mittlerweile das Grundgesetz gilt und Versammlungen nicht mehr vom Gutdünken lokaler Patriarchen abhängen. Kein Wunder, denn in der Regel qualifiziert in der ostdeutschen Provinz nicht der Blick über die Dorfgrenze und in Gesetzestexte zum Stammesführer, sondern die aggressivste Weinerlichkeit.

Noch nie waren sich Lokalpolitiker, verstaubte Beamte – auf die ihr sonst immer so schimpft – AfD und Linkspartei so einig, wie derzeit, wo es darum geht euer Herrentagsrecht auf besinnungsloses Komasaufen und kollektive Enthemmung zu verteidigen.

Selbst die lokale Versammlungsbehörde simulierte für euch den Beschützer des kleinen Mannes und seines liebsten Feiertages, indem sie ein Signal des Verständnis sendete und unsere Demonstration verbot. Dass es bei dem Verbot um eine symbolische Geste an den hiesigen Wutbürgermob geht, war vollkommen klar, schließlich gaben sie nicht einmal einen Verbotsgrund an und dürften gewusst haben, dass sie vor Gericht scheitern werden.

Wir hoffen jedenfalls, dass die wenigen vernünftigen Leute, die es hier gibt – wie die Menschen von der aufrufenden Antifagruppe Association Progres aus dem Eichsfeld – so schnell wie möglich diesem Irrsinn entfliehen und hier wegziehen können.

In einem Punkt müssen wir euch zum Abschluss aber noch widersprechen: So sehr wir uns darüber freuen, dass es zu Einbrüchen des Tourismus in euren Ort gekommen ist, so sehr müssen wir die Ehre zurückweisen, dass dies unser Verdienst ist. Unsere Demonstrationen bringen stets nur die Aufmerksamkeit der überregionalen Medien. Sich vor laufender Kamera freiwillig blamieren und damit Touristen verschrecken, das macht ihr in der Regel selbst. Egal, wie negativ und hinterwäldlerisch wir Bornhagen zu beschreiben versuchen, sobald ihr euch selbst zu Wort meldet, legt ihr noch eine Schippe oben drauf. In diesem Sinne möchten wir zum Schluss einen O-Ton von einem alten Neonazi aus eurer Mitte einspielen, dass er auf youtube veröffentlichte und in dem euer Haß auf die Zivilisation besser zum Ausdruck kommt, als in jeder Beschreibung von uns:
Torsten Heise auf youtube

[Nachtrag: Und wieder einmal habt ihr bewiesen, dass ihr in der Lage seid, jeden Beschreibungsversuch von uns noch in den Schatten zu stellen. Euer Landrat brachte es fertig den Neonazi Heise in Sachen Volksgemeinschaftsrhetorik und völkischem Heimatkitsch noch zu überbieten.So erklärte er der Presse:
„Das Eichsfeld reduziert den Menschen nicht auf seine politische Farbe. Der normale Eichsfelder definiert sich aus seinem Dorf, aus seiner Religion, aus seiner Verwandtschaft, aus seinem Beruf.”]

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„Dissidente Intellektuelle – Fritz Bauer, Peter Brückner, Eike Geisel – von der Bonner bis zur Berliner Republik“ http://geko.blogsport.de/2016/03/31/dissidente-intellektuelle-fritz-bauer-peter-brueckner-eike-geisel-von-der-bonner-bis-zur-berliner-republik/ http://geko.blogsport.de/2016/03/31/dissidente-intellektuelle-fritz-bauer-peter-brueckner-eike-geisel-von-der-bonner-bis-zur-berliner-republik/#comments Thu, 31 Mar 2016 19:49:48 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2016/03/31/dissidente-intellektuelle-fritz-bauer-peter-brueckner-eike-geisel-von-der-bonner-bis-zur-berliner-republik/ Es gibt Menschen, an deren Biografien die politischen Verhältnise ihrer Zeit aufscheinen.
Für die alte BRD, die „Bonner Repbulik” sind dies zum Beispiel Fritz Bauer und Peter Brückner. Für die Geburtsstunden der „Berliner Republik” steht vor allem das Schaffen Eike Geisels.
Bauer wurde zum linksliberalen Dissidenten, weil die Verfolgung von ehemaligen NS-Tätern ihm zur Gewissensfrage wurde – als linksliberaler Jurist konnte er den Gegensatz von Rechtsstaat und Staatsräson nicht ertragen. Für den Staatskritiker Brückner hingegen, galt dieser Gegensatz ohnehin
nur als Schleier, hinter dem sich die Herrschaftsverhältnise des Kapitals verbergen. Da er als Hochschullehrer zugleich das Recht des Bürgers auf öffentliche – auch radikale – Kritik in Anspruch nahm, wurde er in den 70er Jahren vor dem Hintergrund der allgemeinen Hysterie um den Terror der RAF mehrfach suspendiert. Mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus wandelte sich dies grundlegend: Was Bauer noch den Zorn seiner Kollegen einbrachte – die Forderung nach Aufarbeitung –, wurde zum Mantra breiter zivilgesellschaftlicher Kreise und zum neuen Selbstverständnis der Bundesrepublik. An die Stelle der vorhergehenden Repression folgte die (Selbst-)Integration linksintellektueller Kreise. Einer, der sich nicht integrieren wollte, war Eike Geisel. Er etablierte sich in den Geburtsstunden der Berliner Republik als einer ihrer schärfsten Kritiker und sah immernoch Gründe zur Dissidenz: „Gerade die offenherzige Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ging reibungslos konform mit wachsendem Ausländerhass und parteiübergreifendem Patriotismus, wohingegen wahrhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einzig darin bestünde, den notorischen Zusammenhang zu kündigen.”
Im Gegensatz zu den vorherrschenden Geschichtsbildern wollen wir – die Gruppe Gesellschaftskritische Odysee (Geko) – die Geschichte der BRD nicht als eine fortlaufende Erfolgsgeschichte, die vom Wirtschaftswunder über den demokratischen Aufbruch bis zur Etablierung einer „Zivilgesellschaft” reicht, erzählen. Aus diesem Grund zeigen wir drei Filme über nonkonformistische Intellektuelle in der Bundesrepublik:

Wir zeigen drei Wochen in Folge jeweils Donnerstags im Kino und Bar Zazie – kleine Ulrichstraße 22 Halle (Saale) – die Filme:
07.04.2016 Tod auf Raten (Fritz Bauer) 18:15 Uhr
14.04.2016 Aus dem Abseits (Peter Brückner) 18:15 Uhr
21.04.2016 Trimph des guten Willens (Eike Geisel) 18:00 Uhr

Die Filme werden von uns mit einem kurzen Inputreferat versehen. Beim letzten Film ist der Regisseur anwesend und wird in den Film einleiten, sowie für Diskussionen im Nachgang zur Verfügung stehen.

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Thank you Allies – Halle war Täterstadt! http://geko.blogsport.de/2015/04/20/thank-you-allies-halle-war-taeterstadt/ http://geko.blogsport.de/2015/04/20/thank-you-allies-halle-war-taeterstadt/#comments Mon, 20 Apr 2015 08:39:09 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2015/04/20/thank-you-allies-halle-war-taeterstadt/ Flugblatt als PDF: Flugblatt Luckner-Gedenken April 2015

Thank you Allies – Halle war Täterstadt!
Seit einigen Jahren finden in Halle Gedenkveranstaltungen an das Kriegsende in der Saalestadt statt, die von der Graf von Luckner-Gesellschaft ausgerichtet werden, und sogar Schützenhilfe von Stadtmarketing und örtlichem Provinztheater erhalten. Die Beliebtheit der Veranstaltung – mittlerweile nehmen mehrere Hundert Personen teil – erklärt sich dabei vor allem aus ihrem eigentlichen Zweck: Nicht darüber reflektieren zu müssen, dass die ausgebliebene Bombardierung der Stadt Halle weniger der Opposition ihrer Bewohner gegen den Nationalsozialismus, als einem Treppenwitz der Geschichte zu verdanken ist. Entsprechend wird am heutigen Tag über alles mögliche gesprochen – Zivilcourage, Deutsch-Amerikanische Beziehungen, die Verhandlungsgespräche eines örtlichen Seefahrers und Märchenonkels mit den amerikanischen Streitkräften – nur über eines nicht: Die deutsche Volksgemeinschaft. Mit dem aufgeplusterten Erinnern an das Kriegsende, bei dem selbst noch den einstigen Gegnern eine Statistenrolle zukommt, soll deshalb vor allem der Grundstein gelegt werden, dass alles weitergeht wie bisher.
Das Einladungsblatt zur heutigen Veranstaltung sieht nicht nur aus wie eine schlechte schwarz-weiß Kopie aus SED-Zeiten, sondern erklärt auch nach bekanntem Muster den Nationalsozialismus zur Fremdherrschaft durch eine kleine Clique. Das Motto lautet entsprechend: „70.Jahrestag der Befreiung unserer Heimatstadt von der Hitlerdiktatur durch die amerikanische Armee“ – als seien die Hallenser die ersten Opfer und nicht etwa die Träger des Nationalsozialismus gewesen. Es wird so getan, als hätten die Hallenser nur auf einen Moment gewartet, endlich Widerstand ausüben zu können und nicht die Mittel gehabt und als wäre dieser Moment im April 1945 endlich gekommen.
Die Realität sah in Halle bekanntermaßen anders aus: Halle war bereits um 1930 eine der Hochburgen und wenigen städtischen Zentren der Nazibewegung. Die einstige Hochburg der Arbeiterbewegung kippte recht schnell um und fügte sich rasch in die neue Volksgemeinschaft ein. Auch der Boykott und die Zerstörung jüdischer Warenhäuser und Läden wurde in Halle bereits kurz nach der Machtübernahme und noch vor der eigentlichen Reichspogromnacht praktiziert. Zudem wurden die anrückenden Amerikaner keineswegs freudig empfangen.
Davon wollen die Heute hier versammelten Hallenser natürlich nichts wissen. Die ausgebliebene Bombardierung wird als Ergebnis der Opposition der Hallenser zum Kriegsende ausgegeben. Deshalb werden die Hallenser aufgerufen, 70 Jahre nach Kriegsende einem damals verteilten Aufruf zu folgen, ihre Häuser weiß zu beflaggen. Was die Köpfe hinter der heutigen Gedenkveranstaltung verschweigen – obwohl ein Blick in einige ihrer Bücher verrät, dass sie es besser wissen müssten – : Die massenhafte Weißbeflaggung in Halle ist eine Legende, die längst als widerlegt gelten kann. Der Aufruf weiße Bettlaken auszuhängen existierte zwar, doch Erfolg war ihm nicht beschieden. Stattdessen gaben die Hallenser Scharfschützen Hinweise auf Stellungen der Amerikaner, oder wollten einfach nicht begreifen, dass der notwendige Krieg gegen Deutschland nun auch auf ihren Straßen geführt werden musste. Lt. Col. Clark erinnert sich: „Die Leute schauten aus den Fenstern, obwohl wir doch scharf schossen. Andere standen auf den Straßen und behinderten uns. Sie schienen absolut keine Ahnung davon zu haben, was Krieg bedeutet. Wir mußten sie regelrecht wegscheuchen und vertreiben.“
Mit der Einengung der Erinnerung in Halle auf den April 1945 und den Streit der örtlichen Stadtpolitiker, wem denn nun der Verdienst zukäme, dass Halle nicht bombardiert wurde, wird vor allem eines erreicht: Es wird verdrängt, warum es überhaupt notwendig war, dass amerikanische Soldaten nach Deutschland einmarschieren und der Volksgemeinschaft das Handwerk legen mussten. Soll heißen: Es wird verdrängt, warum der Nationalsozialismus nicht mit einem Generalstreik und nicht von Innen heraus besiegt wurde, sondern durch Bomben und Panzer der allierten Armeen zur Strecke gebracht werden musste. Der Streit ob Graf Luckner sexuellen Missbrauch begangen hat, welche Rolle ihm bei den Verhandlungen mit den Amerikanern zukam, ob er dabei nüchtern oder betrunken war oder gerne grüne Bohnen aß, ist dabei nur die Begleitmusik einer Provinzposse, die vor allem dazu dient, die Frage nach dem Kern des Nationalsozialismus und die Integration Millionen ganz normaler Deutscher in die mörderische Volksgemeinschaft nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen.
Statt den Bruch mit der deutschen Volksgemeinschaft zu würdigen, für den viele exilierte Rückkehrer in Deutschland mit Schimpf und Schande bedacht wurden, auch wenn sie selbst ihr Exil nicht als Bruch begriffen wissen wollten, werden in Halle Opportunisten zu Helden erklärt. Ihnen ist es schließlich zu verdanken, dass die eigenen Großeltern in die Friedenszeit hinübergerettet werden und sich im Staatsantifaschismus der DDR als unschuldige Zivilbevölkerung inszenieren konnten.
Oder wie einer der in Halle geehrten Persönlichkeiten erklärte: „„Wir nützen dadurch [einzusehen, dass der Krieg verloren ist. Anm. d. Autors] nicht unserem Gegner, sondern nur und ausschließlich uns und unserem Vaterland.“ (Prof.Hülse im allierten Radiosender Luxemburg)
Wir hingegen halten den Bruch mit Volksgemeinschaft und Vaterland – gerade im Angesicht der Barbarei – für geboten. Hinter der Inszenierung der angeblich unschuldigen Zivilbevölkerung und der Identifizierung mit Opportunisten wie Luckner und Co. scheint deshalb die Ahnung zu stecken, dass man selbst nicht anders gehandelt hätte. Die Gedenkkultur in Halle verrät damit, dass in Deutschland die Loyalität zu den eigenen Volksgenossen im Zweifel immer noch Vorrang vor dem Recht des Individuums hat.
Das Schicksal von Oma, Opa und Hans-Peter und nicht das der Millionen von Deutschen ermordeten und versklavten Menschen, ist für die Hallenser das Maß aller Dinge. Wir Danken hingegen den Allierten und zwar nicht für die ausgebliebene Bombardierung dieser Stadt, sondern für die Niederschlagung der deutschen Volksgemeinschaft mit allen notwendigen Mitteln.

Halle wurde nicht bombardiert – nunja – Shit Happens!

Geko April 2015

Auf unserem Blog findet sich noch ein längerer Artikel über das Kriegsende in Halle:
Kriegsende in Halle

Protest Lucknergedenken

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Das Kriegsende in Halle – Ein Lehrstück deutscher Erinnerungskultur http://geko.blogsport.de/2015/04/18/das-kriegsende-in-halle-ein-lehrstueck-deutscher-erinnerungskultur/ http://geko.blogsport.de/2015/04/18/das-kriegsende-in-halle-ein-lehrstueck-deutscher-erinnerungskultur/#comments Sat, 18 Apr 2015 09:45:05 +0000 Administrator Allgemein http://geko.blogsport.de/2015/04/18/das-kriegsende-in-halle-ein-lehrstueck-deutscher-erinnerungskultur/ Das Kriegsende in Halle – Ein Lehrstück deutscher Erinnerungskultur

Der Mythos einer unschuldigen deutschen Zivilbevölkerung wird in Deutschland vor allem bei lokalen Erinnerungsveranstaltungen mit besonderem Nachdruck gepflegt. Die Begeisterung, mit der sich jährlich Hunderte zusammenfinden, um der Bombardierung ihrer jeweiligen Stadt zu gedenken, zeugt davon. Die Erinnerung an das „Leiden deutscher Zivilisten“ unter den Bomben der Alliierten, soll den Umstand verdecken, dass dieselben Deutschen kein Problem damit hatten, sich in die Volksgemeinschaft einzureihen, jahrelang direkt oder indirekt von Arisierung und Raubkrieg zu profitieren, Juden zu verfolgen und der NSDAP begeistert Beifall zu spenden. Deshalb konnte der zweite Weltkrieg nicht wie der erste mit einem Generalstreik, sondern nur durch die militärische Niederlage Deutschlands beendet werden. Um diesen Umstand nicht reflektieren und damit die Wahrheit über den Charakter der deutschen Volksgemeinschaft nicht anerkennen zu müssen, werden immer wieder Einzelpersonen aufs Podest erhoben, die das Existieren aufrechter Deutscher beweisen sollen. Dies ist selten ohne Verbiegen, Verschweigen und Verdrehen der Geschichte möglich. Die Erinnerung an das Kriegsende in Halle ist dafür ein Lehrstück.


Der Einmarsch der Alliierten in Halle (Saale) im April 1945

Den amerikanischen Streitkräften, der so genannten Timberwolf-Division gelang es am 15.April über eine Pontonbrücke in den Norden der Stadt Halle (Saale) vorzudringen, nachdem die deutschen Truppen tags zuvor sämtliche Saale-Brücken gesprengt hatten. Bereits in der Nacht vom 13. zum 14.April verteilte eine Gruppe um den Chemieprofessor Theodor Lieser 2000 Flugblätter in der Stadt, die die Bevölkerung dazu aufrief, weiße Laken aus den Fenstern zu hängen, um ihren Aufgabewillen zu signalisieren und den deutschen Kampfkommandanten zu einer Übergabe der Stadt zu verleiten. Dies kam den Amerikanern entgegen, denn auf eine Bombardierung der Stadt sollte zunächst verzichtet werden. Sie wussten, dass sich in der hallischen Innenstadt mehrere Tausend Zwangsarbeiter und Lazarette mit amerikanischen Soldaten befanden.
Als die Amerikaner jedoch am 15.April telefonisch eine solche Übergabe verhandeln wollten, lehnte der deutsche Kampfkommandant Rathke diese ab. Zudem wurden die vorrückenden Truppen im nördlichen Stadtteil Halle-Trotha nicht von weißen Bettlaken begrüßt, sondern von einer gleichgültigen bis offen feindseligen Bevölkerung, die deutschen Scharfschützen noch Hinweise auf alliierte Soldaten gab und die Realität des Krieges nicht wahrhaben wollte. [1]
Ein amerikanischer Kriegsveteran erinnerte sich: „Die Leute schauten aus den Fenstern, obwohl wir doch scharf schossen. Andere standen auf den Straßen und behinderten uns. Sie schienen absolut keine Ahnung davon zu haben, was Krieg bedeutet. Wir mußten sie regelrecht wegscheuchen und vertreiben.“ [2]
In den Trothaer Häusern und Hausdächern verschanzten sich neben Scharfschützen auch Einheiten der Wehrmacht, der HJ und des Volkssturms. Ein Vorwärtskommen war für die Timberwölfe nur in verlustreichen house-to-house fightings möglich. Daher wurde der Vormarsch gestoppt und ein Flugblatt mit der Unterzeile „Übergabe oder Vernichtung“ sowie einem Ultimatum über Halle abgeworfen, das die Bewohner aufforderte, bei ihrem deutschen Kampfkommandanten auf eine Übergabe der Stadt hinzuwirken. Andernfalls werde die vollständige Bombardierung der Stadt angeordnet. Eine Bombardierung sollte am Morgen des 16.April erfolgen.
Das Ultimatum der Amerikaner verfehlte seine Wirkung nicht: Einige zwar in das NS-Regime verstrickte, aber den Kriegsausgang erahnende Personen drängten den deutschen Kommandanten, sich in den Süden der Stadt zurückzuziehen und den Amerikanern die Innenstadt zu überlassen. Im Gegenzug sollten diese auf eine Bombardierung verzichten. Durch diesen Vorschlag konnte der deutsche Kommandant Rathke weiterhin kämpfen, sodass er und seine Familie nicht wegen Feigheit vor dem Feind erschossen werden würden, und zugleich eine Bombardierung abgewendet werden.
Um diesen Vorschlag den Amerikanern zu überbringen, wurden Graf Felix von Luckner, ein den Amerikanern durch seine Seemannsgarngeschichten aus dem 1.Weltkrieg bekannter Hallenser, der weltweit Propagandareisen für den Nationalsozialismus unternommen hatte, und Karl Huhold, ehemaliger Luftwaffenmajor und Stahlhelmführer Mitteldeutschlands, ausgewählt. Luckners Bekanntheit bei den Amerikanern sollte die Aufrichtigkeit des Rückzugsangebotes versichern. Beide fuhren durch die amerikanischen Linien und trafen dort auf den General der amerikanischen Truppen Terry de la Mesa Allen. Allen betonte mehrfach seine Verbitterung über das Verhalten der Deutschen: „Ich habe gestern zur Warnung an die Bevölkerung Flugblätter abwerfen lassen. Ich habe ferner meinen Soldaten verboten, in die Straßen und Häuser zu schießen. Dafür haben Fensterschützen, hinter Gardinen versteckt, meinen besten Freund und tüchtigsten Offizier erschossen. Frauen haben auf Zuruf angezeigt, wo sich meine Soldaten befanden. Für diese Taten hat einer Ihrer Generale in Frankreich zwei Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Ich bin verbittert, meine Geduld ist am Ende.“ [3] Die Bombardierung der Stadt war bereits angeordnet, doch gegen die Weisungen aus Washington gewährte er einen Aufschub von 12 Stunden und versicherte, auf eine Bombardierung zu verzichten, wenn sich General Rathke in den Süden der Stadt zurückziehe. Der Gedanke an die in der Stadt befindlichen Lazarette spielten dabei ebenso eine Rolle, wie der unter den Amerikanern verbreitete Irrtum, dass bei den Deutschen eine Trennung in unschuldige Zivilbevölkerung und bösartige Nazis noch möglich sei.
Während der Verhandlungen betrank sich Graf Luckner derart mit Whiskey, dass er nicht mehr in der Lage war, dieses Angebot an den deutschen General zu überbringen, weshalb dies von Huhold allein übernommen wurde und die von Luckner erwartete Antwort an die Amerikaner am Morgen des 17.April von einem Mitarbeiter Theodor Liesers überbracht wurde. Die Amerikaner konnten nun die hallische Innenstadt einnehmen. Gänzlich ohne Widerstand verlief dies nicht, jedoch reduzierten sich die house-to-house fightings in Nord- und Innenstadt durch den Rückzug Rathkes auf ein Drittel. Erst nachdem Rathke am 19.April aus der Stadt mit 600 Soldaten ausbrach, konnte die Stadt vollständig von amerikanischen Truppen besetzt werden.


Gedenkkultur in Halle – Vom Lob des Opportunismus

Seit Jahren tobt in Halle (Saale) der Streit darum, wem man für den Verzicht auf die Bombardierung danken soll. Der Verein Graf Luckner e.V. und dessen Haus- und Hofhistoriker plädieren für den Grafen, der lange Zeit mit dem Regime offen zusammenarbeitete (bis er wegen sexuellen Missbrauchs an seiner leiblichen Tochter und der minderjährigen Tochter seines Anwalts in Ungnade fiel), dessen antisemitische Tiraden inzwischen bekannt sind, und der nach der Besetzung der Stadt seinen Anteil an der ausgebliebenen Bombardierung maßlos in die Höhe log . Dies alles belegt ein Gutachten, dass die Martin-Luther-Universität im Zuge dieses Streits für den hallischen Stadtrat vorlegte. [4] Nun existiert eine Gedenkplakette, an der die Luckner-Gesellschaft jedes Jahr ein Gedenken zum Kriegsende abhält und auf der neben Luckner noch weitere Personen namentlich geehrt werden.
Regelmäßig wird der Mythos einer unschuldigen Stadtbevölkerung gepflegt, die von den NS-Oberen in Geiselhaft genommen, letztlich aber durch das entschiedene Auftreten Luckners gerettet wurde. Dieser habe den amerikanischen, wie den deutschen General allein mit seiner rhetorischen Gewandtheit und Überzeugungskraft dazu bewegt, an diese unschuldige Zivilbevölkerung zu denken. Wie oben beschrieben, gründeten die Motive der Amerikaner für einen Bombardementverzicht nicht in der rhetorischen Begabung des betrunkenen Luckner, und auch die „Zivilbevölkerung“ zeichnete sich vor allem durch Passivität bis offener Feindseligkeit gegenüber den amerikanischen Truppen aus. Der Umstand, dass die Stadt 1945 nicht bombardiert wurde, ist also gerade kein Beweis für die Unschuld ihrer Bewohner, die nur stillhielten, weil sie Angst vor dem Terror des Regimes hatten. Halle war vielmehr bereits 1930 eine der Hochburgen der Nazibewegung. Auch der Boykott und die Zerstörung jüdischer Warenhäuser und Läden wurde hier bereits kurz nach der Machtübernahme und noch vor der eigentlichen Reichspogromnacht praktiziert. [5]
Die Frage, warum hier wie überall in Deutschland ein größerer Widerstand ausblieb und sich so viele Teile der Bevölkerung in die neue Volksgemeinschaft integrierten, wird nicht gestellt. Um sich diese Frage nicht stellen zu müssen, gedenkt man lieber der eigenen Bombentoten oder wie in Halle jenen „Helden“, die das Regime zwar getragen haben, aber ihren Glauben an den Endsieg irgendwann verloren hatten. Luckner und seine Kameraden motivierte nicht die Gegnerschaft zur deutschen Volksgemeinschaft und der Bruch mit ihren Volksgenossen, sondern der Wunsch, diese unbeschadet in die Friedenszeit hinüberzuretten. Auf Radio Luxemburg beruhigte einer der in Halle geehrten Persönlichkeiten aus dem Kreis Liesers seine Volksgenossen: „Wir nützen dadurch [einzusehen, dass der Krieg verloren ist. Anm. d. Autors] nicht unserem Gegner, sondern nur und ausschließlich uns und unserem Vaterland.“ [6]
Identifiziert wird sich mit den Menschen, die sich erst in letzter Minute, als der Krieg auf deutschen Boden zurückkam, gegen diesen wandten, um die Volksgemeinschaft doch noch zu retten. So schwärmte ein Redner auf der Gedenkveranstaltung zum Kriegsende 2012: „[Sie] versuchten zu retten was zu retten [war] […] Menschen waren das, die zum Teil selbst verstrickt waren in das System, die mitgelaufen sind und die in ihrer Zeit und bis Heute nicht unumstritten waren und unumstritten sind, aber sie haben in der entscheidenden Stunde Zivilcourage gezeigt. Davon kann auch ich als Nachgeborener nur lernen, wenn meine entschlossene Tat gefragt ist.“ [7]
In solcher Identifizierung mit Opportunisten mit Vaterlandsverteidigern, wirkt die Feindseligkeit gegenüber allen weiter, die im besten Sinne zu Vaterlandsverrätern wurden, sich gegen ihre Landsleute wandten, und ins Exil oder sogar zu den alliierten Truppen gingen, auch wenn viele von ihnen diesen Bruch selbst nicht wahrhaben wollten und sich nach 1945 erneut auf die Seite ihre Landsleute stellten. Dennoch stehen sie symbolisch für jenen notwendigen Bruch mit der Volksgemeinschaft, der ihnen zeitlebens vorgehalten wurde und den auch die Erinnerungskultur nicht zu thematisieren bereit ist. Hinter der Inszenierung der unschuldigen Zivilbevölkerung und der Identifizierung mit Opportunisten wie Luckner, Stauffenberg und Co. scheint deshalb die Ahnung zu stecken, dass man selbst nicht anders gehandelt hätte. Die Gedenkkultur in Halle verrät damit, dass in Deutschland die Loyalität zu Volk und Vaterland im Zweifel immer noch Vorrang vor universeller Menschlichkeit hat.

April 2015

  1. Zum geringen Erfolg des ersten Flugblatts der Gruppe Lieser und der Scharfschützenhinweise: Vgl. Luckner-Gutachten der Stadt Halle (Saale). S. 50. URL: http://www.halle.de/VeroeffentlichungenBinaries/527/519/luckner-gutachten_12052011.pdf sowie: Daniel Bohse: Die letzten Tage des „Dritten Reiches“ – das Kriegsende in Halle. In: Freitag, Werner/ Minner, Katrin (Hg.): Geschichte der Stadt Halle (Band 2) – Halle im 19. und 20. Jahrhundert. S. 320. [zurück]
  2. Erinnerung von Lt. Col. Clark Zit. nach: Maurer, Matthias J., Our Way to Halle – Der Marsch der „Timberwölfe“ nach Halle. Halle (Saale) 2001. S. 97. [zurück]
  3. Die Worte Allens laut eines Bericht von Major a.D. Huhold: Zit. nach: Maurer, Matthias J., Our Way to Halle – Der Marsch der „Timberwölfe“ nach Halle. Halle (Saale) 2001. S. 97. [zurück]
  4. http://www.halle.de/VeroeffentlichungenBinaries/527/519/luckner-gutachten_12052011.pdf Siehe hierzu auch: https://bonjourtristesse.wordpress.com/2012/02/18/what-shall-we-do-with-the-drunken-sailor/ https://bonjourtristesse.wordpress.com/2013/06/26/ach-ja-gott-da-haben-sich-alle-arrangiert/ [zurück]
  5. Vgl. Tullner, Matthias, Halle 1806 bis 2006 – Industriezentrum, Regierungssitz, Bezirksstadt. [zurück]
  6. Prof. Hülse auf Radio Luxemburg zit. nach: Ernst Ludwig Bock, Übergabe oder Vernichtung – Eine Dokumentation zur Befreiung der Stadt Halle im April 1945. Halle (Saale) 1993. S. 46/47 [zurück]
  7. https://www.youtube.com/watch?v=YD9IdFoY-vI Minute 3:29 bis 4:14. [zurück]
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