Unsere Gruppe ist aus der ehemaligen „Jugendantifa Halle“ und dem „Offenen Antifaplenum Halle“ entstanden. Wir verstehen uns als eine parteiunabhängige Gruppe von linksradikalen Einzelpersonen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben emanzipatorische linksradikale Theorie & Praxis nach außen zu tragen.

Radikal:
Linksradikal ist für uns mehr, als schwarz angezogen, mit Handschuhen in der Gesäßtasche herumzulaufen. Linksradikal heißt für uns auch nicht nur auf Demos rumzulaufen und die Polizei anzupöbeln. Linksradikal heißt für uns anzuerkennen, dass der Weg zu einer befreiten Gesellschaft nicht mit, sondern nur gegen Staat, Nation und Kapital zu beschreiten ist. Linksradikal heißt für uns den Ablauf des täglichen Wahnsinns zu stören wo es nur geht. Kapitalismus ist ein allgegenwärtiges und menschenverachtendes System der Verwertung, das alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens beeinflußt. Wir wollen deshalb auch keinen schöneren, faireren oder besseren Kapitalismus. Die befreite Gesellschaft ist nur mit der Überwindung des Kapitalismus möglich.
Das schließt für uns konkrete Interventionen gegen Politik und Alltag nicht aus, aber wir wollen keinen alternativen Politikberater spielen und uns somit auch nicht auf das Paradigma „konstruktiver Kritik“ einlassen müssen, um als Diskussionspartner_in anerkannt zu werden. Wir entscheiden selbst, wen wir wann und wie kritisieren.

Emanzipatorisch:
Wir verstehen uns als emanzipatorische Gruppe. Das bedeutet, dass wir die Geschichte linker und linksradikaler Bewegungen reflektieren. Selbstreflexion muss ein permanenter Bestandteil einer emanzipatorischen Praxis sein um dem dynamischen Gang der Geschichte gerecht zu werden und sich jeglichen herrschaftlichen Machtverhältnissen zu entledigen. Auch die linksradikale Bewegung war und ist immer Teil des kapitalistischen Systems und somit auch von den regressiven Ideologien durchdrungen die dieses produziert. Wir wissen nicht, wie die befreite Gesellschaft aussehen wird, wir können aber aus der Geschichte (auch der linkradikaler Bewegungen) lernen, wie sie nicht aussehen darf.

Deshalb brechen wir:
- mit einer autoritären Linken, die sich positiv auf autoritäre Diktaturen oder islamistische Bewegungen in aller Welt bezieht, ihren Unterdrückungscharakter ignoriert oder ihre Machenschaften relativiert.
- mit einer völkischen Linken, die den Kampf für das Glück des Einzelnen nicht für wichtig erachtet hat und nur noch (unterdrückte) Völker, ethnische Gruppen, Rassen und andere Kollektive kennt und die in diesen Kategorien denkt.
- mit einer radikalen Linken, deren Geschichtsbewusstsein sich darin erschöpft historische Konstellationen nachzuahmen um sich im Glanze vergangener – vermeintlich besserer Zeiten – stark zu fühlen. Geschichte verkommt so zur Fundgrube für identitäre Bedürfnisse.
- mit einer Linken, die als Kuschelgemeinschaft agiert und in der scharfe Kritik, Diskussion und politische Auseinandersetzungen mit den falschen Verhältnissen, den eigenen Vorstellungen und Grundsätzen keinen Platz mehr hat, weil man auf identitären Einheitsbrei setzt.
- mit einer radikalen Linken, die sich durch Revolutionskitsch und die Verherrlichung von Kampf und Ausnahmezustand auszeichnet. Unser Ziel ist weder „unseren Kiez“ zu erobern und Alternativstaat zu spielen, noch wollen wir als außerparlamentarische Kampfgruppe in der etablierten Politik mitmischen.
- mit den antisemitischen Teilen der Linken und ihren Freunden. Darunter zählen wir auch den Antizionismus. Die regressive Kapitalismuskritik, die Banker und Großkapitalisten für alles Leid in der Welt verantwortlich macht und Verschwörungstheorien, die immer eine offene Flanke zum Antisemitismus darstellen und selbst strukturell antisemitisch sind, gehören von allen emanzipatorischen Gruppen bekämpft. Solange der kapitalistische Normalvollzug den Antisemitismus tagtäglich reproduziert, ist der Staat Israel der einzig sichere Zufluchtsort vor dem antisemitischen Wahn. Das ist der Grund warum wir uns gegen den Antizionismus wenden, der im Namen des Friedens die bewaffneten und unbewaffneten Feinde des jüdischen Staates unterstützt.

Wir glauben, dass selbst noch einige Ideen der bürgerlichen Demokratie gegenüber den regressiven Ideologien zu verteidigen sind, egal aus welchem politischen Lager heraus sie artikuliert werden. Sie ordnen das Individuum nicht nur in ihren „Utopien“, sondern auch in ihrer täglichen politischen Praxis längst dem Kollektiv unter. Die bürgerliche Demokratie hingegen birgt zumindest noch Vorstellungen von Freiheit und Glück des Einzelnen in sich, welche sie Verspricht, jedoch nicht erfüllen kann. Es muss um die Umsetzung dieser Ideen gehen und dies kann nur gegen die bürgerliche Gesellschaft gehen, jedoch indem man über sie hinausgeht und nicht hinter sie zurück fällt. Die erwähnten Ideologien dagegen besitzen weder solche Vorstellungen, noch so ein Versprechen, sondern haben dieses längst aufgegeben. Die bürgerlichen Demokratien garantieren noch ein Mindestmaß an Freiheit und ein Mindestmaß an Schutz für das Individuum gegen den Zugriff durch den Staat oder das Kollektiv, den es zu verteidigen gilt. Die befreite Gesellschaft kann nur Freiheit und individuelles Glück für die einzlenen Individuen im solidarischen Miteinander bedeuten und nicht ihre Unterordnung unter repressive Kollektive.
Es muss darum gehen, sich die geschichtlich entstandenen Begriffe wie „Individuum“, „Emanzipation“, „Glück“, „Freiheit“ und „Solidarität“ wieder anzueignen und auf die Tagesordnung zu setzen. Damit man sich dem praktischen Vollzug des marxschen kategorischen Imperativs: „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen sei.“ widmen kann. Diese Handlungsmaxime eines emanzipatorischen radikalen Denkens und Handelns muss nach Auschwitz jedoch ergänzt werden. Denn Nazideutschland hat mit seinen antisemitischen Vernichtungswahn der Welt einen neuen kategorischen Imperativ gewaltsam aufgezwungen, hinter dem das Denken und Handeln angesichts des geschichtlichen Schreckens nicht mehr zurück kann und darf: „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“ (T.W. Adorno)
Diese beiden kategorischen Imperative müssen die grundlegenden Maßstäbe einer radikalen Gesellschaftskritik und eines befreienden Handelns sein.